Leseprobe NOMADS LEGACY – Short Story: Die Piratenköngin. (Kompletter Kurzroman)

Leseprobe NOMADS LEGACY – Short Story: Die Piratenköngin

 

 

NOMADS – LEGACY
Short Stories

Yadina und Zeelona

Von
Allan J. Stark

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Kapitel 1

Frei ist nicht, wer tun kann, was er will, sondern wer werden kann, was er soll.
(Paul Anton Lagarde)

Yadina und Zeelona

Der leicht untersetzte Mann im verdunkelten Büro seufzte laut auf. „Oh nein, nicht schon wieder ihr beiden.“
Er schob sich seine Brille auf die Stirn und starrte die beiden schlanken Frauen entsetzt an, die gerade den Raum betreten hatten. Die zwei waren Schwestern – einander so ähnlich, dass man sie beinahe für Zwillinge halten konnte. Beide besaßen lange, rabenschwarze, lockige Haare. Entschlossene dunkle Augen funkelten in ihren Gesichtern. Selbst die abgewetzten Pilotenkombinationen, die sie trugen, vermochten ihrer Schönheit keinen Abbruch zu tun. Offenbar waren sie hier und da etwas abgeändert worden, um die körperlichen Reize der zwei Schwestern zu betonen, derer sie sich offensichtlich sehr bewusst waren.
„Hallo, Kym“, sagte die Ältere der Beiden und trat näher an den Beamten heran.
Ihr Gang hatte etwas sinnliches und aufreizendes an sich. Sie musste sich nicht sehr anstrengen um eine Wirkung bei ihrem männlichen Gegenüber zu erzielen. Kym wusste, dass ihre aggressive Körperlichkeit Teil ihres Waffensortimentes war.
„Hallo, Zeelona.“ Er schluckte und sah zu der jüngeren Frau hinüber, die noch neben der Tür stand. „Hallo, Yadina.“
Zeelona setzte sich auf die Tischkante und blickte dem Mann tief in die Augen. Das Licht der Nachmittagssonne fiel in langen schrägen Strahlen durch die Jalousien. Gewiss bemerkte Zeelona, dass auf Kyms Gesicht Schweißperlen glitzerten, die sich schnell auf Stirn und Wangen gebildet hatten. Natürlich konnte dies an der hohen Raumtemperatur liegen. Bei der Gluthitze, die dieser extrem heiße Sommer in den Schluchten der Stadtwelt erzeugte, wäre das nicht weiter verwunderlich. Die Klimaanlage hatte längst den Kampf verloren. Lediglich das brausende Gebläse an der Decke des kleinen Zimmers tat tapfer seinen Dienst. Es lag eher am Auftauchen der zwei ungebetenen Besucherinnen, das ihm den Schweiß auf die Stirn trieb, und weniger an der Sonne, die in diesem Sommer besonders heiß auf das endlose Häusermeer herunterbrannte.
„Du musst uns einen Gefallen tun“, sagte Zeelona schließlich, worauf Kym, der eine solche Bitte offenbar befürchtet hatte, aufzubegehren wagte.
„Ich habe euch doch schon einen Gefallen getan!“, entgegnete er erregt und fuhr flüsternd fort, als habe ihn seine eigene Stimme erschreckt. „Vier Gefallen sogar, wenn man es genau nimmt.“
„Vier? Ich hätte gesagt es wren nur Zwei gewesen, weil die Grenzen da ziemlich fließend sind. Aber das zeigt wieder einmal, dass wir wissen, warum wir zu dir gekommen sind.“
„Und ich habe gute Arbeit geleistet“, fuhr Kym fort. „Niemand hat etwas bemerkt. Alles ist geheim geblieben. Lassen wir es dabei bewenden. Man muss sein Glück nicht auf die Probe stellen.“
„Glück ist wichtig. Aber wir setzen eben auf dein Können.“
Mittlerweile war Yadina hinter seinen Sessel getreten und setzte sich auf die Lehne zu seiner Rechten. Sie legte ihm die Hand auf die Schultern und sah zu Kym hinunter.
„Das wissen wir“, pflichtete sie ihm bei. „Deswegen sind wir ja auch wieder zu dir gekommen. Man soll erfolgreiche Kontakte pflegen. Das ist eine der wichtigsten Geschäftsregeln. Und darüber hinaus ist es ein Kompliment.“
„Und du hast recht“, ergänzte Zeelona. „Von deinen Gefälligkeiten wissen nur wir drei. Wir möchten auch, dass das so bleibt.“ Sie machte eine Pause. „Besonders du möchtest, dass das so bleibt. Nicht wahr?“
Kym schluckte und sah die Schwestern abwechselnd an. Immer wieder versuchte er, einen Satz zu beginnen, brachte aber kein einziges Wort hervor.
„Ich vermute, auf dich wartet kein Schiff, keine Mannschaft“, fuhr Zeelona mit gespieltem Mitleid fort, „die dich von hier wegbringen würde, wenn es brenzlig für dich wird, oder?“
„Bestimmt nicht“, antwortete Yadina stellvertretend für ihn. „Ich denke, unser lieber Kym ist ein kurzbeiniger Beamter, der nicht wüsste, wohin er laufen sollte, wenn er Probleme bekommt. Und mit dem, was er sich bereits auf die Schultern geladen hat, läuft es sich noch schlechter, sollte etwas herauskommen.“
„Ich bin kein Trottel.“ Kym riskierte einen Ausfall, aber schon einen Moment später verstummte er wieder. Er tastete in der Gesäßtasche nach einem Tuch, fischte es heraus und tupfte sich über Augen und Stirn. Der Schreck, der ihm beim plötzlichen Auftauchen der zwei Schlangen, wie er sie oft genannt hatte, in die Glieder gefahren war, ging in dumpfe Angst über.
„Ich bin nicht blöd“, wiederholte er und ließ das Taschentuch wieder in der Hosentasche verschwinden. Er machte einen tiefen Atemzug und setzte ein resigniertes Gesicht auf. „In Ordnung. Ich hab mich auf euch eingelassen und ich befürchtete von Anfang an, dass weitere Besuche folgen würden.“ Dabei lehnte er sich erschöpft zurück. Der Sessel kippte nach hinten.
Yadina hopste von der Armlehne, wie ein aufgeschrecktes Kätzchen, stolzierte ein paar Schritte durch den Raum und setzte sich dann auf die Fensterbank. Kym beobachte wie ihr Blick über den Himmel und die Gebäude nebenan schweifte. Nachdem sie an der steil abfallenden Fassade hinuntergeblickt hatte, betätigte sie einen Schalter am Fensterrahmen und ließ die Jalousie noch ein Stück weiter hinunter. Zwar lief der endlos dahinströmende Luftverkehr auf weit entfernten Trassen ab, doch vor neugierigen Augen konnte man nie ganz sicher sein. So viel war auch Kym Merrick klar. Immer wieder lösten sich Gleiter aus den Hauptverkehrsadern, tauchten in die Häuserschluchten ein und sausten dicht an den Fenstern vorbei.
„Was soll ich für euch tun?“, fragte Kym erschöpft.
„Wir brauchen einen gültigen Gewerbeschein“, sagte Zeelona mit heiterer Stimme. „Es geht um den Transport verschiedener Güter und Waren. Einfuhr, Ausfuhr. Ausgestellt für fünfzig Transporter der Velocityklasse. Wir brauchen auch Frachtpapiere, die laufend aktualisiert werden und den dazugehörigen Freigabestempel haben. Wir wollen nicht, dass sich Polizei und Zoll die Mühe von aufwendigen Kontrollen machen müssen. Die Kennungen der Schiffe lassen wir dir noch zukommen.“
„Und weiter?“
„Dann benötigen wir Besitzurkunden über drei leer stehende Hallen, die zum Verkauf freigegeben sind.“ Zeelona holte ein Papier hervor. „Hier in diesen Gebieten.“
Kym las Namen und Koordinaten. Die Schrift war kaum als die einer jungen Frau zu erkennen. Sie wirkte männlich, abgesehen von einigen wenigen Zügen, die einen gewissen Schwung aufwiesen. Sie war klar und leserlich und verriet einen sehr energischen Charakter.
Der beamte speiste die Angaben in seinen Computer ein und fand Informationen über drei Gebäude, die einmal der kaiserlichen Flotte gehörten. Nach Verlegung des Stützpunktes waren sie von der Stadtverwaltung gekauft worden, die augenscheinlich nur wenig Verwendung dafür hatte. Nun standen sie leer. Nach einigen Minuten waren die Hallen in Yadinas und Zeelonas Besitz und wurden laut Melderegister als Unterstand für Transport-Gleiter und Schiffe genutzt. Kurz darauf hielten die beiden Schwestern die dazugehörigen abgestempelten und beglaubigten Dokumente in den Händen.
„Wollt Ihr am Ende noch seriös werden?“, fragte Kym, der schnell den Computer ausschaltete. „Ihr hättet jetzt alles, um neu anzufangen. Ich könnte alles legal machen. So wasserdicht, dass Ihr für immer unbehelligt bleiben könntet.“
Zeelona wirkte überrascht. „Hast du den Eindruck, wir wären unseres Lebensstiles überdrüssig?“
„Transportgeschäfte sind doch wirklich zu langweilig, für so exotische Charaktäre, wie wir es sind“, ergänzte Yadina. „Nein, das wäre nichts für uns. Ich bin sicher, du weißt das.“
„Was soll das Ganze dann?“
Zeelona schüttelte den Kopf. „Willst du wirklich das Wagnis eingehen, dich damit zu belasten? Uns ist klar, wie schwach dein Nervenkostüm ist. Wir müssten uns ständig Sorgen um dich machen. Und auf dich aufpassen. Wie sollten wir dir unter diesen Umständen noch vertrauen können?“
Kym knabberte an seiner Unterlippe. Ihm war bestimmt deutlich anzumerken, dass er nur zu gerne gewusst hätte, was die beiden im Schilde führten. Letztendlich war Neugier ein Grund für ihn gewesen, die Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Auf diese Weise war es wenigstens möglich, ein kleines Stück weit in die gut gehüteten Geheimnisse der Stadtwelt hineinzublicken. Aber in die Geschäfte der zwei Schlangen Einsicht zu nehmen, war ihm dann doch etwas zu heiß. Er hatte sich ohnehin schon zu weit aus dem Fenster gelehnt.
„Wir haben viele schöne, schwarz-gelbe Schiffchen“, sagte Zeelona heiter. „Sie werden den Himmel über Vanetha bald sehr bereichern.“
„Und unsere Taschen füllen“, ergänzte Yadina. Kapitel 2

Tatsächlich wurden die bulligen schwarz-gelben Transporter, auf denen deutlich sichtbar das Emblem von Convoy Inc. – Waren- und Gütertransport prangte, bald allen Bewohnern Vanethas gut bekannt. Die Piloten verstanden ihr Handwerk und waren zuverlässig. Außerdem schien es ganz so, als hätten die Schiffe stets freie Bahn und würden nie in einem der üblichen Staus feststecken. Selten, genauer gesagt, niemals, stand eines bewegungslos herum, um betankt oder repariert zu werden. Sie bedeuteten kein Ärgernis für die örtliche Verkehrsüberwachung oder die Polizei. Ihre unübersehbare Präsenz setzte ein klares Signal, dass die Geschäfte von Convoy Inc. außerordentlich gut liefen. Kunden, welche die Dienstleistung von Convoy Inc. in Anspruch nehmen wollten, erhielten meist die Antwort, alle Schiffe seien bis auf Weiteres ausgebucht. Die Logistik kam gerade nicht nach, aber man würde bald Erweiterungsmaßnahmen treffen, war das Mantra, das etliche Kunden zu hören bekamen. Jenen, denen es gelang, einen Transport zu buchen, mussten einige Tage warten und dann hohe Preise bezahlen. Die Kunden jedoch, die das Glück hatten, eines der Schiffe zu buchen, zeigten sich mit der erbrachten Leistung vollends zufrieden. Mitunter sorgte das verwegene Aussehen von Piloten und Mannschaft für reichlich Gesprächsstoff. Aber es brauchte wohl verwegene Leute für diese Jobs. Immerhin führte sie ihre Arbeit zuweilen bis in die entlegensten Winkel Asgaroons. Und verwegene Piloten, die hatte man sich eben genau so vorzustellen.
Während die fünfzig Schiffe von Convoy Inc. eifrig auf den Verkehrsrouten Vanethas umherflogen und durch ihr auffallendes Äußeres Aufsehen erregten, tauchten zur selben Zeit zwei äußerst attraktive junge Frauen auf, die ohne Probleme, Einlass in die exklusiven Klubs der Stadtwelt und damit in die erlesenen Kreise dieser Welt fanden. Dort wurden sie herumgereicht wie Wanderpokale. Eine Einladung folgte der anderen. Die Damen der feinen Gesellschaft fanden in den beiden Frauen starke Konkurrenten in Modeangelegenheiten. Niemals tauchten sie zweimal in denselben Kleidern auf und sie ließen sich diese Extravaganz offenbar eine Menge kosten. Wie sich bald herumsprach, waren sie zudem gute Kunden eines einflussreichen Modedesigners auf Vanetha, der ihnen seine neuesten Kreationen zukommen ließ.
Es bestand kein Zweifel, die Zwei waren, schön, hatten Geschmack, besaßen einen exzellenten Geschäftssinn, der ihr Unternehmen florieren ließ. Nichts würde sie aufhalten, ihren Aufstieg in die Reihen der vornehmsten Bürger der Stadtwelt fortzusetzen.
Es dauerte nicht lange und die beiden Schwestern hatten Zeff Coleman kennengelernt. Den ältesten Sohn von Culver Coleman, der zu den einflussreichsten und bedeutendsten Kunstsammlern und Geschäftsleuten Vanethas gehörte, der hier und auf anderen Metropolwelten, Museen und Galerien besaß. Sie trafen ihn zuerst auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung, im mondänen Oregon Bezirk der Stadtwelt, und hatten sehr schnell seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Der junge Mann war groß und schlank. Seine Schultern breit, die Haut braun gebrannt. Beides verriet, eine gewisse Eitelkeit und eine Lebensweise, bei der die Arbeit nicht in seinem Lebensmittelpunkt stand. Das blonde Haar trug er streng nach hinten gekämmt. Am Hinterkopf bildete es einen kurzen Zopf, den ein schwarzes Lederband zusammenhielt. Man konnte erkennen, dass in dem weißen Gehrock ein Körper steckte, der durch intensive sportliche Aktivitäten gestählt war. Der gut aussehende Mann ahnte bestimmt nicht, dass er dieses erste persönliche Treffen mit Zeelona und Yadina nicht dem Zufall zu verdanken hatte. Ganz augenscheinlich war er so angetan vom Aussehen und dem Charme der beiden Frauen, von denen er schon so viel gesehen und gehört hatte, dass er sie unbedingt wiedersehen wollte. Ganz wie vorausgesehen, erhielten die Beiden eine Einladung zu einer Feier, die heute auf dem Dach des Coleman Firmengebäudes stattfand.
Yadina gefiel der junge Mann. Sie mochte ihn und eine Zeit lang bedauerte sie es, dass er lediglich ein Bestandteil ihrer Planungen war und sie ihn danach nie wiedersehen würde. Jetzt stand ein schnittiger Gleiter vor dem Portal des kleinen, leer stehenden Hochhauses, das den Schwestern als Wohnung und als Stützpunkt ihrer florierenden Firma diente. Eine schlanke, bildhübsche Frau stieg aus, gekleidet in eine adrette, grau silberne Uniform. Zeelona und Yadina stiegen in ihren eleganten Abendkleidern ein und das Fahrzeug brauste davon. Nach einem kurzen Flug über das endlose Häusermeer kam der Turm der Coleman Company in Sicht. Die gläserne und verchromte Fassade schillerte im Licht der Abendsonne, wie ein gewaltiger Kristall. Die Party fand auf dem weitläufigen Dachgarten des Gebäudes statt. Der Garten war bestimmt das Werk eines talentierten Künstlers und Architekten. In kunstvoll angelegten Terrassen, schloss er auch Teile der steil aufragenden Fassaden mit ein, sodass man glauben konnte, die dichte Vegetation fließe in Kaskaden an den Wänden herab, wie ein grüner Wasserfall.
Der Gleiter setzte auf einer Plattform auf. Weitere Luxusfahrzeuge wurden geparkt oder flogen gerade ab, nachdem sie die Gäste abgesetzt hatten.
Zeelona und Yadina stiegen aus und wurden sofort von Empfangsrobotern begrüßt, die ihnen Umhang und Stola abnahmen, um sie für die Dauer des Empfanges zu verwahren. Nachdem sie die Dienste der aufmerksamen Maschinen angenommen hatten, gingen sie ein Stück zu Fuß durch einen Laubengang. Im dichten Laubwerk verborgen, zwitscherten Vögel. Bald hörten die zwei Frauen das Gemurmel und das Gelächter weiterer Gäste.
Die Sonne warf ihre letzten Strahlen durch das sacht raschelnde Geäst der Bäume und Sträucher, während ein warmer Windhauch durch den Garten strich. Ein weiterer Serviceroboter mit kleinen Rädern an den Füssen, flitzte heran. Geschickt wie ein Artist, balancierte er ein Tablett, auf dem filigrane Gläser standen, gefüllt mit perlendem Cremona. Zeelona und Yadina nahmen sich je ein Glas und die fleißige Maschine sauste davon
Die beiden Frauen spazierten eine Weile durch die Anlage, bis sie Zeff Coleman begegneten. Der junge Mann erweckte in Yadina den Eindruck, bereits sehnsüchtig nach ihnen Ausschau gehalten zu haben und erschrak förmlich, als er ihnen über den Weg lief. Nur zu bereitwillig übernahm er die Betreuung der attraktiven Frauen und übte sich dabei in gepflegter Konversation.
„Es wird so viel von Ihnen Beiden geredet“, begann er, nachdem sie einander begrüßt hatten. „Aber in Ihrem Fall waren die Gerüchte nicht übertrieben. Ich bin noch immer wie betäubt.“
„Das will ich nicht hoffen“, bemerkte Yadina mit gespieltem Ernst. „Ich würde gerne Ihre ganze Aufmerksamkeit besitzen.“
„Ich werde mich bemühen“, antwortete Zeff Coleman. „Aber es wird eine von Herkules’ Aufgaben.“
Yadina konnte mit diesem Satz nichts anfangen, aber sie überspielte ihre Befangenheit mit einem charmanten Lächeln.
Endlich führte er sie an eine ruhigere Stelle des Gartens, von der aus man einen grandiosen Blick über die Stadt hatte. Eine geschmackvolle Jugendstil Sitzgruppe, mit weichen Gelo-Polstern, lud sie ein, Platz zu nehmen.
Zeff begann mit seichtem Geplauder und machte viele Bemerkungen, die bestimmt sehr amüsant waren, für die es Yadina jedoch an Hintergrundwissen fehlte. Offenbar setzten sie eine gewisse kulturelle Grundbildung voraus, über die sie und ihre Schwester nicht verfügten. Sie fürchtete, bald das Interesse des jungen Mannes zu verlieren, der offenbar nicht ganz so oberflächlich war, wie sie angenommen oder gehört hatten. Immerhin machte er einen gebildeten und interessanten Eindruck. Zeelona und Yadina hatten viel Zeit auf die logischen Abläufe ihres Planes und ihr Auftreten gelegt. Sich unter kultivierten Menschen zu Bewegen, war jedoch ein weitaus schwierigeres Unterfangen, als gedacht. Wenn Zeff das Interesse an ihnen verlor, konnten sie ihren ganzen Plan vergessen. Aber sollten sie die Unternehmung auf Vanetha hinter sich gebracht haben, würde Yadina Vieles nachholen, beschloss sie für sich.
„Lassen Sie uns vom Geschäft reden“, sagte Zeelona schließlich, stellte ihr Glas auf den Tisch und lehnte sich etwas zurück. Yadina hingegen behielt ihre aufrechte Pose bei, drehte ihr Glas zwischen den Fingern und betrachtete Zeff mit träumerischem Blick. Dem fiel es sichtlich schwer, Zeelonas abrupten Wechsel ins Formale zu verarbeiten. Für einige Sekunden war ihm seine Verunsicherung deutlich anzumerken. Dabei wanderte sein Blick Hilfe suchend zu Yadina, die ihn weiterhin freundlich anlächelte. Jetzt galt es, die Rolle, die ihr Zeelona zugedacht hatte, aufrecht zu erhalten.
Zeff löste den Blick von Yadina und musterte deren Schwester lange. Schließlich stellte er ebenfalls sein Getränk auf dem Tisch ab.
„Sie haben sehr viel von sich reden gemacht in den letzten Monaten“, begann er. „Wie kommt es eigentlich, dass ich zuvor noch nichts von Ihnen und Ihrer Firma gehört habe?“
„Asgaroon ist groß“, sagte Yadina, noch ehe Zeelona antworten konnte. „Und wir haben bisher ausschließlich entlegene Systeme um und innerhalb des Koliussektor bedient.“
Zeff pfiff anerkennend durch die Zähne. „Gefährlich, gefährlich. Mir scheint, Sie beide lieben das Risiko.“
„Nein“, sagte Zeelona. „Aber wir haben gelernt, damit umzugehen. Wir können es uns das Risiko nicht leisten, kein Risiko einzugehen.“
Zeff lächelte. „Das könnte das Motto meines Vaters sein.“
„Wir haben erstklassiges Personal“, fuhr Zeelona fort. „Verwegene Leute, die es uns ermöglichen Dienste anzubieten, vor denen die meisten Unternehmer in unserem Geschäft normalerweise zurückschrecken. Wir machten die Gefahr zu unserem Verbündeten.“
„Darin liegt unser Geschäftsgeheimnis“, warf Yadina ein, und ihre Schwester nickte bestätigend. „Unser Ruf hat sich herumgeprochen. Wir brauchen keine Werbeflächen und sparen uns das Geld für Agenturen.“
„Offenbar haben Sie damit Erfolg“, sagte Zeff. „Sie Beide sind meinem Vater sehr ähnlich.“
Zeelona runzelte irritiert die Stirn.
„Mein Vater legt Wert auf einen guten Ruf, der ohne Werbung auskommt.“ Er hob eine Augenbraue. „Und Sie haben es geschafft. Jeder hier kennt mittlerweile Ihre auffälligen gelben Schiffchen. Trotzdem. Sie sind ein recht junges Unternehmen, dass hier gerade angefangen hat, und das ist im Transportgeschäft ein großer Nachteil. Man braucht Zeit, um eine funktionierende Logistik zu etablieren und den guten Ruf, den Sie zweifellos haben, zu bewahren. Aber das alleine ist für mein Geschäft nicht ausschlaggebend. Mein Vater und ich handeln mit Gütern, an denen Erinnerungen und Gefühle hängen. Hierbei geht es auch um …“
„… um das Vertrauen“, vollendete Zeelona.
„Das zumindest denkt mein Vater. Und viele andere Händler auch, mit denen wir zusammenarbeiten“, erklärte er. „Aber etliche unserer großen Kunden haben weniger emotionale Bindungen zu den Dingen, die wir transportieren. Ich will diesen gefühlsmässigen Aspekt nicht unterbewerten, aber ich lege großen Wert auf Effizienz. Da bin ich anders als mein Vater. Ich habe ein anderes Konzept und versuche das Unternehmen auszuweiten. Und das mit einer größeren Gewinnspanne. Das muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass dabei der Anspruch sinkt, den wir an uns selber stellen.“
„Dann sind wir die Richtigen.“ Zeelona zeigte sich selbstbewusst. „Wir arbeiten effizient. Und Sie können uns vertrauen. In diesen schwierigen Zeiten brauchen Sie Piloten, die Ihre Waren zuverlässig und kostengünstig ans Ziel bringen. Unser Können ist vielfach erprobt. Ich habe keinen Zweifel daran, Ihre Kunden binnen Kurzem von unserer Effizienz zu überzeugen.“
Zeff nickte, grinste amüsiert und dachte einige Sekunden nach.
„In Ordnung“, sagte er. „Ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen. Allerdings möchte ich mir auf Ihrer Kundenliste jemanden aussuchen, der in der Lage ist, mir weitere Auskünfte zu geben. Aus der Sicht eines Kunden. Sie haben doch nichts dagegen?“
„Kein Problem“, sagte Zeelona. „Ich würde Sie nur bitten, die Vereinbarung eines Termins mit dem Kunden uns zu überlassen. Wir möchten nicht den Eindruck vermitteln, wir würden deren Namen und Daten beliebig weitergeben.“
„Versteht sich“, sagte Zeff und nahm sein Getränk vom Tisch, womit er anzeigte, nun wieder zum privateren Teil ihres Treffens zurückkehren zu wollen.
Die zwei Schwestern gingen darauf ein. Es war sehr amüsant sich mit Zeff zu unterhalten, stellte Yadina fest, zumal er es nun vermied, gesellschaftliche oder kulturelle Anspielungen zu machen. Er musste gemerkt haben, dass Yadina und Zeelona es nicht gewohnt waren, sich in der mondänden Stadtweltgesellschaft und deren Themen zu bewegen. Die Geschichte über ihre Aktivitäten in den entlegenen Regionen Asgaroons, mochte dazu beigetragen haben, diesen Mangel glaubhaft zu machen. Die beiden wären jedoch nicht Yadina und Zeelona, würden sie es versäumen, Zeff auch während dieses belanglosen Geplauders nützliche Informationen zu entlocken.
„Mein Vater leitet unser Unternehmen schon seit etlichen Jahren“, erklärte Zeff. „Es ist im Grunde genommen noch immer ein Familienunternehmen. Ein großer Teil unserer Abnehmer sind alte Freunde und Verwandte. Was es natürlich nicht einfach für euch Zwei machen wird. Man lässt nur ungern Fremde in die inneren Kreise.“
„Sie sagten, er handle gerne mit Antiquitäten und Kunst?“, fragte Yadina.
Zeff antwortete mit Zögern. „Ja“, meinte er knapp.
„Sie haben Bedenken?“, stellte Zeelona fest. „Ist dieser Geschäftszweig nicht lukrativ?“
„Im Gegenteil“, meinte er. „Private Sammler und Museen zahlen gut und zuverlässig. Zudem sind in dieser Gesellschaft alle bestens miteinander bekannt. Was es, wie ich schon bemerkt habe, nicht immer erleichtert, Geschäfte zu machen, aber in etlichen gewichtigen Bereichen ziemlich viele Vorteile bietet.“
„Was ist es dann, was Ihnen Kopfzerbrechen bereitet?“, wollte Yadina wissen.
„Ich bin einer von denen, die nur ungern eine Fayroopassage in Betracht ziehen. Lieber bin ich eine Woche unterwegs, indem ich über die Hypertrassen der Sprungpunkte reise, als dass ich die Dienste der Tore in Anspruch nehme.“
„Sie haben auch eine Abneigung gegen die Azzamaro?“ Zeelona blickte ihn über den Rand ihres Glases hinweg an und nahm dann einen kleinen Schluck. Ihr Blick verriet nicht, ob sie sich über Zeffs Ängste insgeheim lustig machte, oder seine Bedenken teilte.
Zeff sagte nichts.
Für Zeelona und ihre Schwester waren die unheimlichen Geschichten, die man sich über die Tore erzählte, nichts Neues. Beinahe alle ihrer Kameraden schenkten den alten Erzählungen Glauben, dass der große Tyrann Sargon sie gebaut hatte und dass ihnen böse Mächte innewohnten, und mieden die Fayroo ebenfalls, so gut es ging. Der Brauch, Salz auf ein altes Artefakt zu streuen, das man ab und an auf einer fremden Welt fand, war unter ihnen weit verbreitet, und fast jeder Pirat trug ein kleines Salzfässchen mit sich. Es war nur natürlich, dass man den gewaltigeren Artefakten aus der alten Zeit mit Angst begegnete. Die beiden Schwestern hingegen hatten bisher noch nichts erlebt, was sie zur Befolgung dieses Brauches veranlasst hätte, aber sie hüteten sich davor, über ihre Kameraden zu lachen. Die Azzamaro und der Umgang mit ihnen waren ein ernster Aspekt unter den Raumfahrern. Die Fayroo inbegriffen.
„Ist Ihnen der schwarze Mann schon begegnet?“, wagte Zeelona, zu scherzen, da sie Zeff Coleman für rationaler hielt, als ihre zumeist ungebildeten Kameraden. Doch Zeff blickte sie nach ihrer Bemerkung ernst an. Sämtliche Freundlichkeit wich aus seinem Gesicht. Zeelona hatte offenbar einen Fehler gemacht.
„Wir wollen über Erfreulicheres sprechen“, schaltete sich Yadina ein. „Es ist ein so schöner Abend, den sollten wir uns doch nicht verderben lassen.“
Obwohl man sich bemühte, dauerte es eine ganze Weile, bis die ungezwungene Atmosphäre wiederhergestellt war. Als die Abenddämmerung in die Nacht übergegangen war, verbreiteten schwebende Leuchtkörper, die über den Wegen des Gartens dahinglitten, ein sanftes warmes Licht. Die Band auf der obersten Dachterrasse spielte leichte Tanzmusik, und das Gemurmel der vielen Gäste drang gedämpft durch die Blätterwände des Gartenlabyrinths.
„Ihr Vater ist zufrieden mit den Leistungen von Skylog?“, fragte Zeelona nun.
Zeff schien über diese Frage nicht überrascht. „Es gab nie irgendetwas zu beanstanden. Aber das hat sich sehr geändert.“ Aus seiner Stimme konnte man eine gehörige Portion Missfallen heraushören. „Bei den letzten größeren Transporten hat es sehr bedenkliche Unregelmäßigkeiten gegeben. Das Verhältnis zwischen Theron Calipher, dem Inhaber von Skylog, und meinem Vater ist seither stark belastet. Es ist tatsächlich seit einiger Zeit einiges anders geworden.“
Genauer gesagt war vieles mit dem Auftauchen der Schwestern auf Vanetha anders geworden. Die beiden hatten Wege und Mittel gefunden, das gut gehende Unternehmen Skylog zu infiltrieren und dessen Ruf gezielt zu schädigen. Aber Zeff ahnte davon nichts. Wie er ihnen zu verstehen gab, sah er in diesen Umstand lediglich die Bestätigung seiner Bedenken und eine Möglichkeit, Yadina und Zeelona ins Geschäft zu bringen. Zudem wollte er im Unternehmen seines Vaters endlich etwas bewegen.
„Alten Strukturen fehlt die Flexibilität“, sagte er und die beiden Schwestern stimmten nur zu gerne zu.

Als die Party am frühen Morgen zu Ende ging, hatten Yadina und Zeelona in Zeffs Gunst endgültig Fuß gefasst. Yadina war müde. Das helle Morgenlicht, das die Fassaden der Wolkenkratzer zum Erglühen brachte, schmerzte in ihren Augen. Das Kleid und die Schuhe mit den hohen Absätzen, in denen sie bis jetzt tapfer Haltung bewahrt hatte, wollte sie endlich loswerden. Zusehends fiel es Yadina schwer, in ihrer Garderobe eine gute Figur zu bewahren und sich mit Haltung durch den Garten zu kämpfen. Mehr und mehr sehnte sie sich nach ihrer abgewetzten Pilotenkombination und ihren bequemen, ausgetreten Stiefeln. Nach der ausgiebigen Tanzerei schmerzten Ihre Füsse. Zeff, der sich als ein ausgezeichneter Tänzer erwies, ließ nicht ab davon sie unentwegt zum Tanzen aufzufordern. Ganz zu Zeelonas Wohlgefallen; war dies doch ebenfalls Teil ihrer Pläne, wie Yadina ebenfalls wusste. Wie sich bei vielen Gelegenheiten zeigte, fand Yadina leicht beim anderen Geschlecht Anklang und oft nutzten sie diesen Umstand zu ihrem Vorteil aus.
Ab und an jedoch fragte sich Yadina, ob sie sich nicht viel zu bereitwillig dem Willen ihrer Schwester beugte, als wäre diese eine Zuhälterin und sie das beste Pferd im Stall. Yadina schob diese Gedanken beiseite.
Der Wagen, der sie am Abend zuvor abgeholt hatte, stand samt seiner Fahrerin bereit und brachte die beiden wieder nach Hause. Aller Müdigkeit zum Trotz machte sich Zeelona sofort an die Arbeit, ihre neu erworbenen Erkenntnisse und Möglichkeiten in Taten umzusetzen. Yadina verabschiedete sich für eine Weile, um etwas Schlaf nachzuholen.
In Zeelonas Büro, das sich zentral unter der Decke einer großen Halle befand und ihr eine ideale Sicht auf die Schiffe bot, die ihr für die zwielichtige Unternehmung zur Verfügung standen, nahm sie Kontakt zu Dalmo Zarrack auf, den sie mit einem speziellen Auftrag betraut hatte und der sich nun auf seinen Auftritt vorbereiten sollte. Sie stellte gerade eine Menge Daten und Informationen zusammen, die er benötigen würde, um sich auf ein Treffen mit Zeff Coleman einzustellen, als sie unten auf dem Hangarboden einen Trupp uniformierter Beamter herumlaufen sah. Sie befragten ihre Leute und machten sich an den Transportern zu schaffen.
Gerade wollte sie die Sprechanlage einschalten, um ihre Crew anzuweisen, die unerwünschten Besucher hinauszuwerfen, da trat ein Mann in ihr Büro. Ein kleiner, drahtiger Mensch in einem knautschigen, grauen Mantel.
„Guten Tag“, sagte er freundlich. „Peck Baggit. Ich bin beauftragt, Ihre Fahrzeuge zu überprüfen.“
Zeelona war sichtlich überrumpelt. „Polizei?“, fragte sie.
„Nein, nein!“, beschwichtigte der Mann, wobei er schmunzelte. „Verkehrsbehörde. Ich will mich von der Tauglichkeit und Leistungsfähigkeit Ihres Fuhrparks überzeugen.“
„Und da tauchen Sie einfach so auf und dringen in ein Firmengelände ein?“ Ärger und etwas Furcht verliehen Zeelonas Worten Schärfe. „Wie kommen Sie dazu sich hier breit zu machen? Haben Sie ein Ermächtigungsschreiben?“
Er zog eine durchsichtige Folie aus seiner Manteltasche hervor, auf der das Emblem seiner Behörde leuchtete. „Natürlich habe ich eine derartige Vollmacht.“
„Die Schiffe sind in Ordnung“, versetzte Zeelona und riss ihm mit einer schnellen Handbewegung die Folie aus den Fingern. „Kein Grund hier herumzuschnüffeln.“
„Das glaube ich gerne. Aber ich muss auch meine Vorgesetzten davon überzeugen.“
„Sie können meine Piloten nicht stundenlang aufhalten“, knurrte Zeelona ärgerlich. „Jede Minute, die die Schiffe auf dem Boden bleiben, kostet mich Geld.“ Sie runzelte zornig die Stirn. „Sie haben sich nicht angemeldet. Das wäre zumindest höflich gewesen.“
„Das tut mir leid“, meinte er und lächelte weiterhin freundlich. „Normalerweise tun wir das auch. Aber der heiße Sommer hat so seine Tücken. Selbst den Planungseinheiten unterlaufen Fehler, obwohl man da sehr gute Leute hat.“
Zeelona überflog das Schriftstück und gab es ihm schließlich zurück. „Ärgerlich. Ich habe ein Geschäft zu führen und muss mich jetzt auch noch damit herumschlagen.“
„Ich kann dagegen leider gar nichts machen. Die Zeiten sind hart und wir haben, wie Sie sicherlich wissen, seit einigen Jahren ein Schmugglerproblem.“
„Wie bedauerlich“, gab Zeelona resigniert zurück, wobei sie sich fragte, ob Kym vielleicht die Nerven verloren und geplaudert hatte.
„Keine Sorge“, beschwichtigte Peck Baggit. „Ich bin hier schneller wieder weg, als Sie für möglich halten. Ich habe die Zulassungen gesehen, und da gibt es nichts zu beanstanden. Aber Ihr kleines Unternehmen ist so schnell gewachsen, dass mein Chef befürchtete, die Schiffe könnten inzwischen stärker belastet sein als erwartet. Er will jede Gefährdung des Verkehrs vermeiden. Aber ich kann Ihnen versprechen, wir werden keine aufwendigen Kontrollen durchführen. Wir machen allenfalls nur Stichproben.“
„Es ist Trotzdem ärgerlich.“
Er quittierte Zeelonas Worte durch einen kurzen, mitfühlenden Seufzer. Dann zog er eine Datenbox hervor, tippte darauf herum und blickte Zeelona interessiert an.
„Sie haben fünfhundert Schiffe?“ Bei der Frage runzelte er die Stirn und kratzte sich an der Schläfe, wobei er den Blick nicht von seinem Datenpad ließ.
„Ja“, antwortete Zeelona, obwohl sie wusste, dass sie gerade einmal fünfzig Stück besaß, bei denen man ständig die Kennungen änderte, um den Eindruck zu vermitteln, es wären weitaus mehr. Allesamt Schiffe ihrer kleinen Flotte. Die sogenannten Ausrenner, die zur Isebel gehörten, die ihr als Flaggschiff diente und sich gerade im Dock auf Potris befand. Einem ihrer Stützpunkte, weitab von den zivilisierten Systemen.
Der Inspektor sah von seinem Datengerät auf. „Alle Schiffe haben ihren Standort hier?“
„Nein“, log sie weiter. „Das kommt immer auf die Aufträge an. Manche Piloten haben eigene Heimathäfen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
„Durchaus, durchaus.“ Er grinste. „Freiberufler, Freischaffende. Das ganze Spektrum aller nur möglichen und unmöglichen Existenzen. Kuriere und Transporteure. Ihr seid ein buntes und interessantes Völkchen, das muss ich zugeben.“
„Zur Inspektion kommen sie zumeist hierher.“ Zeelona überhörte geflissentlich seine letzten Bemerkungen. „Aber manche Inspekteure suchen sie auch am jeweiligen Standort auf, wenn es günstiger ist.“
„Um Zeit zu sparen.“
„Ganz recht“, sagte Zeelona. „Zeit ist ein wichtiger Faktor in unserem Gewerbe. Ich kann ihnen die Papiere ihrer Kollegen zeigen, obwohl ich Wichtigeres zu tun habe. Deswegen noch einmal: Wie lange werden Sie brauchen?“
„Oh, wir bleiben nur heute und überprüfen die Schiffe, die währenddessen einfliegen. Stichproben. Ich sagte ja, wir werden nicht lange hier sein.“
Einen ganzen Tag? Zeelona erschrak. Das war mehr, als sie befürchtet hatte.
Yadina, die gerade hinzugekommen war, musterte den Mann.
An ihrem Blick erkannte Zeelona, dass sie ihn für einen Polizisten hielt und im Begriff war, ihre Vermutung auszusprechen.
„Das ist Herr Baggit“, kam Zeelona ihr zuvor. „Von der“, sie machte eine Pause, „Verkehrsverwaltung.“
„Entsprechen unsere Fahrzeuge nicht dem Geschmack der Vanether?“, fragte Yadina ungläubig. „Sind sie ein Verkehrshindernis?“
„Weder noch“, sagte Zeelona. „Herr Baggit ist hier, um eben dies zu verhindern.“
„Richtig“, pflichtete ihr der Mann bei und sah hinunter auf die drei Transporter, die einen Teil des Hangars ausfüllten. „Aber mir scheint, es hat bereits einen Unfall gegeben.“
Die beiden Schwestern eilten an das Fenster.
Baggit deutete hinaus. „Dort, wo gerade die Roboter die Kennung vervollständigen.“
Yadina war sofort hellwach. „Das Schiff kam gerade aus dem Koliussektor zurück“, erklärte sie rasch. „Ein Unfall war das aber nicht.“
„Ist es beschossen worden?“
„Der Koliussektor ist ein gefährliches Pflaster“, sagte sie. „Da kommt das schon mal vor.“
„Sie haben das bestimmt den imperialen Behörden gemeldet“, vermutete Baggit.
„Man soll nicht jeden Hund treten, der einen anbellt“, winkte Zeelona ab. „Außerdem möchten wir nicht ins Gerede kommen. Das ist schlecht für das Geschäft.“
„Ist das Schiff stark beschädigt?“
„Nein, das war nur ein Streifschuss.“
„Sie haben offenbar großartige Piloten.“
„Die Besten.“
Damit gab sich der Mann vorerst zufrieden, verabschiedete sich und ging zur Tür. Dort angekommen, machte er halt. Es sah so aus, als sei ihm noch etwas Wichtiges eingefallen.
„Ach ja“, sagte er. „Es stehen Tests an. Tests bezüglich der Emissionswerte Ihrer Maschinen.“
Die zwei Schwestern, die gehofft hatten, er würde gehen, waren über diese Nachricht wenig erfreut, denn derartige Messungen konnten im Falle von Beanstandungen äußerst lästig und zeitaufwendig sein.
„Keine Sorge“, sagte Baggit. „Ebenfalls nur Stichproben. Entschuldigen Sie vielmals, dass ich ihnen Umstände mache. Mir ist das selber peinlch. Es geht ja nur darum, sich ein Bild zu machen. Ist wegen des heißen Sommers. Da reagieren die Leute empfindlicher und verlangen ständig Maßnahmen, um die Belastungen zu reduzieren.“
„Wie aufwendig sind diese Stichproben?“
„Das werden Sie kaum bemerken“, sagte Peck Baggit. „Eine Drohne hängt sich an eines Ihrer Schiffe und prüft die Schubwerte beim Start, während des Atmosphärenfluges, im All und beim Sprung in den Hyperraum. Dann sucht sie sich das nächste Schiff anhand der Respondersignale und beginnt mit den Messungen von Neuem.“
„Also keinerlei Verzögerungen.“
„Diese Messungen stören den Arbeitsablauf nicht im Mindesten“, beschwichtigte Baggit.
„Gut“, bemerkte Zeelona. „Dann bin ich beruhigt.“
Von allen Lügen, die sie in diesem Gespräch geäußert hatte, war dies die Größte. Sie wusste sofort, dass diese winzige Maßnahme gigantisches Improvisationstalent von ihr verlangen würde, um das Theater fortzuführen. Messdrohnen benötigten Informationen über das Ladegewicht. Und die Schiffe transportierten so gut wie nichts.
Nach dieser Offenbarung ging Herr Baggit endlich. Kapitel 3

Die Ausgrabungsstätte auf der steinigen Welt Akama war gewaltig. Das Grabungsteam hatte buchstäblich einen Canyon geschaffen, um ein riesenhaftes metallenes Objekt freizulegen, das seit Jahrtausenden im Gestein verborgen war.
Die Sonne stach heiß vom wolkenlosen Himmel herab, der in einem hellen Orangeton leuchtete. Ein launischer, warmer Wind, trieb unentwegt Staubteufel vor sich her und ließ das Sonnensegel flattern, unter dessen Schatten die Gruppe von Archäologen um Culver Colemann Schutz gesucht hatte. Um einen Kartentisch versammelt, besprachen sie gerade ihr weiteres Vorgehen, als ein Besucher zu ihnen kam. Silan Baranov. Er hatte seine Fähre nahe dem Camp der Forscher gelandet und die verbliebenen drei Kilometer, bis zum Rand der gewaltigen Grube, zu Fuß zurückgelegt. Ein anstrengender Weg, der den recht untersetzten Mann ins Schwitzen brachte. Auf der Stirnglatze, eingerahmt von schwarzem Kraushaar, glänzten Schweißperlen.
Er trat an die Männer und Frauen heran, die unter dem Sonnensegel diskutierte und wartete, bis man ihn bemerkte.
Culver Coleman war ein schlanker, hochgewachsener älterer Herr, mit schmalem Gesicht und blaugrauen Augen. Seine langen, silbergrauen Haare bändigte ein rotes Tuch, das als Stirnband diente. Er hatte sich offenbar seit einigen Tagen nicht rasiert. Kinn und Wangen zierte ein kurzer weisser Bart. Coleman drehte sich herum und lächelte Silan zur Begrüßung zu, woraufhin er sich wieder den Karten und Hologrammen auf dem Tisch zu zuwendete.
„Sie haben Ihre Instruktionen“, sagte er, ohne jemand bestimmten anzusehen, und die Versammlung löste sich auf. Er deutete auf einen der Klappstühle, die um den Tisch herumstanden. „Was führt dich in diese entlegene Gegend?“
Silan nahm auf dem Stuhl Platz und Culver Coleman setzte sich auf die Tischkante. Er musterte den Besucher lange und eindringlich. Silan Baranov war Kurator einer bedeutenden Sammlung auf Vanetha, die dem Clan der Colemans gehörte und Culver Coleman schenkte ihm großes Vertrauen. Manchmal raubte ihm die große Verantwortung, die er besaß den Schlaf. Besonders wenn er darüber nachdachte, was es mit all den Schätzen auf sich hatte, die in den Museen der Galaxis verteilt waren.
„Ein Spiel zu beginnen“, antwortete Silan geheimnisvoll. „Oder es zu enden.“
Culver Coleman griff nach einer Flasche mit einem klaren, offensichtlich alkoholhaltigen Getränk, füllte zwei Gläser und reichte eines davon seinem Freund.
„Klingt spannend“, bemerkte Coleman und stieß sein Glas an das von Silan. Nachdem beide einen Schluck getrunken hatten, deutete Silan Baranov auf das monströse Artefakt, das noch zum größten Teil im Felsen steckte.
„Ist das ein Fayroo?“, fragte er fasziniert über den ungewöhnlicher Anblick, eines der riesigen Sprungportale, verborgen unter meterdicken Erdschichten. Sie befanden sich meist weit draußen im All, um Schiffe an die abgelegensten Orte der Galaxis zu bringen.
„Ganz ohne Zweifel.“
„Wenn der Kiray noch drinsteckt, könnte das einen Effekt auf den gesamten Planeten haben. Eine mehr als spannende Sache.“
„Gewiss doch.“ Culver Coleman war sehr zufrieden mit sich. „Aber du bist doch nicht hier, um mir zu erzählen, was ich ohnehin schon weiss, oder um die Grabung zu überwachen. Vielleicht möchtest du mir die Aufsichtsabteilung der Museums Union auf den Hals hetzen?“
„Es gäbe etliches, das ich liebend gerne machen würde, aber so etwas bestimmt nicht“, bestätigte der Kurator. „Auf Vanetha tut sich einiges. Und ich würde gerne wissen, ob du deinem Sohn nicht endlich etwas mehr Verantwortung übertragen möchtest.“
„Willst du mir in Familienangelegenheiten Rat geben?“
„Gewiss nicht“, beschwichtigte Silan Baranov. „Aber ich kann nicht umhin festzustellen, dass es der Sammlung gut tun würde, wenn Zeff etwas mehr Verantwortung und Möglichkeiten hätte.“
„Und wenn er falsche Entscheidungen trifft?“
„Ist dir auch schon passiert“, entgegnete Silan. „Mehr als einmal, wenn ich dich erinnern darf. Es hat dir nicht geschadet und das Museum konnte es verkraften. Gestatte ihm doch, Fehler zu machen und erzähle mir nicht, es könnte dich zu viel kosten.“
Culver Coleman musterte seinen Freund lange und eindringlich. „Hast du dein Herz für Zeff entdeckt?“
„Mir geht es lediglich darum, die Handlungsfreiheit des Museums zu sichern und für dich mehr Freiraum zu gewinnen. Immerhin hat die Imperiale Behörde für Altertümer weitreichende Befugnisse und beweist eine erstaunliche Flexibilität. Es wird immer schwieriger, ihnen zuvorzukommen. Wir haben einige interessante Objekte an sie verloren. Sie verstehen es besser und besser, neue Bestimmungen durchzusetzen und uns Steine in den Weg zu legen. Und du bist zu oft unterwegs. Soll heissen, du pendelst zu viel zwischen Leidenschaften und Notwendigkeiten hin und her. Deine Pflichtbesuche auf Vanetha oder Lonno könntest du dir sparen, da du sowieso nur halbherzig dabei bist. Und irgendwann werden dir Fehler unterlaufen. Es wäre besser, jemanden zu haben, der zumindest in deinem Sinne Entscheidungen treffen kann und dessen Gedanken nicht abgelenkt sind.“
„Und du glaubst, Zeff wäre dazu in der Lage.“
„Du solltest ihm Gelegenheit dazu geben“, beharrte Silan Baranov.
Coleman war nicht überzeugt. „Du machst mir nichts vor“, sagte er. „Was steckt wirklich dahinter?“
Es entstand eine lange Pause, in der nur das Schlagen des Sonnensegels zu hören war, mit dem der Wind spielte.
Silan drehte sein Glas und betrachtete das funkelnde Spiel der Lichtreflexe darin.
„Seit einem halben Jahr sind zwei junge Frauen auf Vanetha“, erzählte er. „Sie betreiben ein Transportunternehmen. Aber ich habe noch nie was von denen gehört und auch meine Nachforschungen haben nichts ergeben. Sie haben eine Präsentationsseite im Kommunikationsnetz. Aber da gibt es nur wenige Referenzen.“
„Muss nichts heißen“, wendete Culver Colemann ein. „Ich würde nicht einmal ausschließen, dass sie zum Teil illegal arbeiten. Transport von heisser Ware, oder so. Darauf willst du doch hinaus, oder? Viele bewegen sich in den Grauzonen, das ist nun mal so in Asgaroon. Nehmen wir uns zum Beispiel. Was haben wir nicht alles für Dinger gedreht und bisher hat man uns nicht erwischt. Denk mal darüber nach, wen und was wir so alles bewegen mussten, um das ein oder andere Projekt auf solide Füße zu stellen.“
Es entstand wieder ein kurzes Schweigen. Silan fielen auf Anhieb etliche Abenteuer ein, von denen die imperialen Behörden besser nichts wussten.
Culver Coleman deutete mit dem Glas in der Hand auf seinen Freund. „Und ich würde weder uns noch sie deswegen als Verbrecher bezeichnen. Ein geschickter Gauner zu sein ist nichts Verwerfliches“, sagte er und sah gedankenverloren in sein Glas, das er langsam schwenkte. „Ein ungeschickter Gauner zu sein, dagegen schon.“
Silan Baranov grinste breit. „Ich glaube eher, dass es dein Einfluss war, der uns vor Schlimmerem bewahrt hat, als unsere vermeintliche Geschicklichkeit im Dinge bewegen. Dein Name allein hat uns mehr als einmal die Haut gerettet; vergiss das nicht.“
Coleman antwortete nicht darauf. „Wenn die beiden Frauen in abgelegenen Gebieten gearbeitet haben“, fuhr er fort, ohne die letzte Bemerkung des Kurators zu kommentieren, „oder ihre Firma umbenannt haben, wäre das ebenfalls eine Erklärung für ihre spärliche Präsenz in den Netzwerken.“
„Das wäre eine Erklärung, natürlich. Sie behaupten immerhin, im Koliussektor gearbeitet zu haben, aber mir wirkt das zu aufgesetzt – zu absehbar und einstudiert.“
„Und, was sind sie demnach? Diebe?“
„So würde ich urteilen.“
Coleman lachte und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. „Wenn sie mich um ein paar Stücke erleichtern wollen, warum dann dieses große Theater?“
„Dann geht es eben nicht lediglich um ein paar wenige Stücke.“
„Weiß man, wie groß ihre Transportflotte ist?“
„Schwer zu sagen. Sie sind immer in Bewegung, aber nach den Informationen, die wir haben, sind es etwa vierhundert Schiffe mit einer drei plus Ladekapazität.“
Coleman setzte sein Glas ab. „Was um alles in der Welt…“ Coleman schüttelte den Kopf. „Wollen die unsere ganze Sammlung mitnehmen?“
Silan Baranov hob die Schultern. „Ich kann mir auch keinen Reim auf die Sache machen. Aber ich würde zu gerne herausfinden, was die zwei Frauen im Schilde führen. Wenn sie tatsächlich einen massiven Kunstraub planen, erfordert das eine gut organisierte Logistik.“
„Was wollen die mir stehlen? Den Ocrest von Sebojem? Oder die Platinstele von Peregast? Die Stücke unserer Museen sind allesamt zu bekannt. Wer sollte sie kaufen?“
„Jemand wie du“, konterte Silan Baranov.
Culver Coleman biss sich auf die Unterlippe. „Oh ja. Jemand wie ich. Du hast natürlich recht.“
Die beiden Männer sahen einander lange an und überlegten.
„Du meinst, ich solle Zeff mehr Verantwortung geben, nur damit er das Spiel eröffnen kann?“
„Eröffnen und es zu Ende bringen. Mich würde es brennend interessieren, was dabei herauskommt und wie sich dein Sohn in dieser Angelegenheit verhalten wird. Ich halte ihn für klüger als du denkst und es wäre eine gute Schulung für ihn, egal wie die Sache ausgeht.“
„Wie alt sind die beiden Frauen?“
„Recht jung“, sagte der Kurator. „So um die fünfzig Regulär-Jahre.“
„Alt genug, um eine solide Durchtriebenheit entwickelt zu haben“, überlegte Culver Coleman.
„Und jung genug, um eine größere Sache mit der nötigen Kraft durchzuziehen“, ergänzte Silan Baranov. Seine Miene zeigte dabei die Heiterkeit eines Spielers, der gerade im Begriff war, seine Trümpfe auszuspielen. „Das sind zwei vielversprechende Kandidaten. Ich würde gerne wissen wie sie sich halten. Sie sind um einiges vielversprechender und interessanter als die Sache mit Jabol Sarut und seine Fälscherbande.“
Coleman hob das Glas wieder an die Lippen und trank. Er warf einen langen Blick zu den Überresten des Fayroo hinüber, die aus den Felswänden des Canyons ragten.
„Riskante Sache“, überlegte er laut. „In der Tat sehr anregend.“
„Mach dir keine Sorgen“, beschwichtigte der Kurator. „Ich habe wachsame Augen um den Jungen postiert. Dem passiert nichts.“
„Du hast recht“, antwortete Culver Coleman. „Er muss wachsen und Verantwortung übernehmen. So kann ich meinen Leidenschaften nachgehen, ohne mich ablenken zu lassen, von Buchhalterkram und den ewigen Frechheiten der Kommerzbehörde. Ja, ich muss Zeff Spielraum geben.“
„Spielraum im wahrsten Sinne des Wortes.“
Sie stießen ihre Gläser aneinander und lachten, als hätten sie gerade einen guten Witz gehört. Kapitel 4

Zeelona vermied es, ihre Leute zur Vorsicht zu mahnen, schließlich waren sie abgebrüht und professionell genug, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Jede Heimlichtuerei würde die Beamten nur misstrauisch machen und sie wollte das nicht provozieren.
„Diese Messungen könnten uns in Erklärungsnot bringen“, meinte Yadina, die ihre eigenen Überlegungen angestellt hatte. „Wenn die herausfinden, dass die Schiffe kaum Schub benötigen, um zu starten, werden die bald wissen, dass wir nichts verfrachten, sondern nur leere Transporter herumfliegen lassen.“ Sie grinste. „Schöne schwarz-gelbe Luftballons.“
Gerade hatte sie den Satz beendet, da piepste die Kommunikationsanlage. Zeelona öffnete einen Kanal. Die Stimme von Kalim Fatto war zu hören, der sich um die Logistik kümmerte. „Ich habe zwei Anrufe hier“, sagte er emotionslos.
„Von wem?“, wollte Zeelona wissen.
„Zuerst ein Beamter, der mir seinen Namen nicht sagte. Er meinte, du wüsstest schon, wer es sei. Und dann ein gewisser Zeff Coleman.“
„Stelle den Beamten zuerst durch“, sagte sie.
Kym klang sehr gefasst und machte es kurz. Offensichtlich hatte er von der aktuellen Situation Wind bekommen und verlangte ein umgehendes Gespräch mit den Schwestern, an einem Platz seiner Wahl. Nachdem Zeelona zugestimmt hatte, nannte er den Springbrunnen auf dem Friedensplatz als Treffpunkt. Sie hoffte, er hatte keinen unangenehmen Besuch bekommen. Kym machte ihr nicht den Eindruck, er könne einer längeren Befragung standhalten. Sie war beunruhigt, versuchte aber, ihre Bedenken beiseite zu drängen. Dann nahm sie den Anruf von Zeff Coleman entgegen, zeigte sich überrascht und höchst erfreut, äußerte ein paar Belanglosigkeiten, und bedankte sich nochmals und ganz besonders in Yadinas Namen für den schönen Abend. Unangenehm schnell jedoch kam er auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen und verlangte die Adressenliste von Zeelonas Kunden. Nach deren Erhalt wählte er eine große Anzahl Namen aus, von denen er eine schriftliche Bewertung der Zusammenarbeit mit Convoy Inc. verlangte. Einen Händler namens Pako ban Halith, dessen Standort sich nahe dem berüchtigten Koliussektor befand, wählte er für einen persönlichen Besuch aus.
„Ich werde mit Pako ban Halith sprechen“, sagte Zeelona. „Er wird sich dann mit Ihnen in Verbindung setzen.“
Damit gab sich Zeff zufrieden und verabschiedete sich. Dieser kurze Anruf hinterließ einen faden Nachgeschmack in Zeelonas Empfindungen. Er war vielleicht gerissener, als sie angenommen hatte.
Erschöpft ließ sich Zeelona in einen Sessel sinken. „Die haben es plötzlich alle so eilig“, seufzte sie.
„Was hast du erwartet?“ Yadina hatte das Gespräch mit Zeff mitgehört und schüttelte den Kopf. „Der Vorhang ist oben, die erste Arie gesungen und das Publikum wird applaudieren oder dich mit … “
„Du wirst dich mit Kym treffen, Kleines“, unterbrach Zeelona. „Ich muss hier den zweiten Akt vorbereiten.“

Nachdem sie ihren Gleiter in einem Parkhaus abgestellt hatte, spazierte Yadina über den breiten Boulevard, der in den großen runden Friedensplatz mündete.
Es war Mittag und es war heiß. Yadina hatte es leid, von allen Leuten zu hören, wie warm dieser Sommer war und wie sehr er dem Verstand zusetzte. Mittlerweile verspürte sie es am eigenen Leib.
Der Himmel leuchtete hell wie gebleichtes Leinen. Alles Blau schien verschwunden. Die Fensterscheiben und Karosserien der Fahrzeuge, die in großer Höhe ihre Bahnen zogen, glitzerten wie kleine Sterne an einem wolkenlosen Firmament. Die Luft flimmerte über den Dächern.
Nur wenige Bewohner dieses Stadtteils hielten es lange in der Sonne aus. Die meisten suchten Schutz im spärlichen Schatten der hoch aufragenden Wolkenkratzer, oder in den klimatisierten Geschäften zu beiden Seiten der Prachtstraße. Cafés und Bars luden ein, unter großen Sonnenschirmen und Sonnensegeln Platz zu nehmen und sich mit Getränken zu erfrischen. Aber dennoch trotzten reptilienartige Sannos oder Lakati der Sonne, die reglos herumstanden, oder über das aufgeheizte Pflaster eilten.
Mochte man den Piloten glauben, die überall in der Galaxis herumkamen, stiegen die Temperaturen auf den Welten höher und höher, als lägen die Sonnen allesamt in einem rätselhaften Fieber. Yadina beschirmte die Augen und sah an den mächtigen Wohntürmen hinauf, die wie Speerspitzen in den leuchtenden Himmel stießen und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
Der große Platz wurde beherrscht von einer Wasserfontäne, die über vierzig Meter, in die Höhe schoss. Mit mächtigem Getöse stürzte das Wasser zurück in ein weites rundes Becken. Im Gischtnebel, der über einen Teil des Platzes hinwegzog, hatten sich leicht bekleidete Menschen, Oponi und andere Spezies, einen Ort gesucht, um sich abzukühlen und ihren Spaß zu haben. Andere standen einzeln oder in Gruppen im knietiefen Wasser. Das fröhliche Lachen von Kindern vermischte sich mit dem Rauschen des Brunnens. Auf einer niedrigen Steinbrüstung, die das Bassin umlief, saßen viele Leute, die ihre Beine in das kühlende Nass baumeln ließen. Dort vermutete sie, Kym am ehesten zu treffen. Sie ließ den Blick über die Menge schweifen. Die bewegte Wasseroberfläche glitzerte hell und blendete sie so sehr, dass es ihr unmöglich war, einzelne Gesichter zu erkennen, die nur ein wenig weiter als einen Steinwurf entfernt waren.
In diesem Moment tippte ihr jemand von hinten auf die Schulter. Sie fuhr herum und sah in ein Gesicht, dass ihr zunächst fremd erschien. Doch dann erkannte sie Kym, der einen großen, bunten Schirm trug, mit dem er sich offenbar vor der Sonne zu schützen versuchte, und eine schwarze Mappe unter den Arm geklemmt hatte. Sie war überrascht, wie groß der Mann war, den sie bisher nur in seinem Büro sitzend gesehen hatte. Auch sein Gesicht wirkte im Tageslicht verändert, obschon die Blässe seiner Haut geblieben war.
„Setzen wir uns dorthin“, sagte er und deutete zum Brunnen. „Ist euer Unternehmen dabei aufzufliegen?“, fragte er, nachdem sie sich gesetzt hatten.
„Wie kommst du darauf?“ Yadina gab sich unwissend.
„Keine Spielchen. Ich weiß Bescheid“, fuhr Kym fort. „Heute Morgen, als ich ins Büro ging, erwarteten mich zwei Beamte von der Verwaltung. Sie forderten Unterlagen über Eure Fahrzeuge an.“
„Und?“, fragte die junge Frau, zog ihre Schuhe aus und steckte die Füße ins kühle Wasser. „Du hast doch Formulare und Briefe ausgestellt. Taugen die nicht für eine nähere Betrachtung?“
„Da gibst nichts zu bemängeln. Die sind gut, sehr gut“, verteidigte er sich. „Schließlich weiß ich, auf was man bei guten Fälschungen achten muss. Ich hatte oft genug manipulierte Data-Hols und Failsave-Dokumente vor Augen, um zu wissen, worauf man achten muss. Außerdem habe ich Originalstempel zur Verfügung. Für Papier und die Molekularsiegel, für die Holofolien.“
„Wo liegt dann das Problem?“
„Das Problem liegt darin, dass die ganze Sache zwar gut genug ist für einen ersten Blick, auch einen zweiten könnte die Maskerade gerade noch vertragen, aber wenn ein begabter und erfahrener Schnüffler seine Nase tiefer in die Sache hineinsteckt, ist es vorbei. Die kennen eben auch alle Tricks.“
„Dann sind deine Dokumente also doch nicht so wasserdicht.“
„Das ist nicht das Problem“, entrüstete sich Kym. „Es geht um Fahrtrouten, Zeit und Fahrpläne. Ich habe eure tatsächlich vorhandenen fünfzig Schiffchen auf eine Flotte von fünfhundert aufgeblasen, so wie es deine Schwester wollte. Jedes Schiff existiert mindestens zehnmal unter anderer Kennung. Jedes hat ein Computergeneriertes Logbuch und die Berichte darin sind komplex. Wenn da jemand nachforscht und die Piloten befragt, solltet Ihr nicht lange zögern und von hier verschwinden. Diese Theater ist schwer aufrecht zu erhalten, wenn einer neugierig wird.“
„Das kriegen wir schon in den Griff“, verteidigte sich Yadina und wusste im selben Moment, dass sie dies nur so dahingesagt hatte.
„Aber davon abgesehen ist euer größtes Problem die Überprüfung der Flugwerte eurer Fahrzeuge.“
Damit kam er Yadina zuvor, die sich gerade vorsichtig an diesen heiklen Aspekt der Situation herantasten wollte. Er schloss den Schirm und klemmte ihn sich unter die Achsel. Danach öffnete er seine schwarze Mappe. Er blätterte einige Schriftstücke durch, murmelte vor sich hin und begann schließlich mit seinen Ausführungen.
„Die Herausforderung besteht im Gewicht der Schiffe. Ein gut gehendes Unternehmen mit gefüllten Schiffsbäuchen, dessen Fracht überhaupt nichts wiegt, ist sehr verdächtig. Verdächtig wäre es auch, wenn die Fracht in regelmäßigem Rhythmus wechseln würde. Manchmal wird Ware abgeliefert, manchmal geht etwas retour weil unzustellbar und, und, und. Ich habe einen Modus errechnet, der diese Schwankungen berücksichtigt, um so ein realistisches Bild vom Stand des bewegten Frachtgutes zu simulieren. Aber die Crews müssen sich peinlichst genau daran halten. Sie müssen meine Vorgaben gewissenhaft befolgen, sie auswendig lernen und dürfen bei Befragungen nicht davon abweichen.“
„Wir haben für jedes Schiff nur zwei menschliche Piloten. Der Rest der Besatzung besteht aus Robotern“, erklärte Yadina. „Die Mechanoiden machen keinen Fehler, wenn es um Protokolle und Prozeduren geht. Aber wir haben nicht so viel Ballast, um hohes Frachtgewicht vortäuschen zu können.“
„Gut, dass Ihr mich habt“, sagte Kym, als hätte er diesen Einwand vorhergesehen. „Zum Ballast, der die Hauptrolle in diesem Bühnenstück spielt, komme ich gleich. Zuerst aber fordere ich etwas.“
Yadina zögerte. „Was soll es sein? Eine Beteiligung an der Beute?“
„Nein“, sagte er ernst. „Eine Zuflucht.“
Yadina hob die Augenbrauen.
„Ich hege keinen Zweifel daran, dass ihr diesmal auffliegen werdet“, fuhr er fort. „Damit wird auch meine Karriere hier auf Vanetha beendet sein. Deswegen will ich bei euch unterkommen.“
„Wie stellst du dir das vor?“
„Du und deine Schwester. Ihr bürgt für mich.“
Eine Zeit lang starrten die beiden einander an. Yadina wusste nicht, wie sie eine Bürgschaft in die Wege leiten sollte. Außerdem war eine Bürgschaft eine Sache mit zwei Seiten. Selbst bei einem sehr guten Freund war das ein Schritt, den man sich gut überlegen musste.
„Was ist nun?“, drängte Kym.
Yadina fiel die Antwort nicht leicht. „Wie soll ich mich für dich verbürgen? Ich kenne dich doch kaum.“
„Aber gut genug, um mir einen Gefallen schuldig zu sein“, setzte Kym hinzu.
Sie sah, dass er im Recht war. Sie und ihre Schwester hatten ihn in diese Lage gedrängt, und trotz allem, was Yadina bisher auch durchgemacht und erlebt hatte, herzlos war sie dabei nicht geworden. Bei ihrer Schwester war sie sich da manchmal nicht ganz so sicher. Womöglich hätte Zeelona ihm keinerlei Zugeständnisse gemacht und ihm stattdessen gedroht.
„In Ordnung“, stimmte sie schließlich zu. „Ich gebe dir einen Namen und eine Adresse. Dorthin kannst du dich wenden. Sag ihm, die Zwillinge schicken dich. Berufe dich auf die Jüngere der beiden.“ Damit deutete sie auf sich.
Kym zog Stift und Papier aus der Mappe und ließ Yadina darauf die Informationen niederschreiben, um den Mann, die Frau oder wen auch immer finden zu können. Dann steckte er alles eilig wieder weg.
„Ich brauche noch eine Sicherheit“, fuhr er fort.
„Genügt das nicht?“
„Nein“, sagte er. „Ich benötige Irgendetwas. Etwas Persönliches von dir. Ein Pfand, das ich vorlegen kann.“
Wieder zögerte sie.
„Ich werde die Daten, die ich errechnet habe, wieder mitnehmen“, drohte er, „wenn ich nicht sicher sein kann, dass man mich nicht aufknüpft oder unter eine Landekufe bindet, gleich nachdem ich mich auf dich berufe.“
Yadina zog ein dünnes Halskettchen hervor. Daran baumelte eine quadratische Münze mit einem achteckigen Loch in der Mitte. Grobe Schriftzeichen waren darauf eingeprägt. Sie schimmerte in mattem, goldenem Glanz.
„Gib ihm das“, sagte sie. „Füge das Wort Finona hinzu. Das war die Welt, auf der ich es fand. Der Mann weiß das. Es wird dich davor bewahren, für einen Dieb gehalten zu werden.“
Kym steckte Yadinas Notiz und das Schmuckstück in seine Hosentasche und übergab ihr die schwarze Mappe.
„Ihr habt einen Wasseranschluss in eurem Hangar“, erklärte er. „Wegen der hohen Temperaturen war es mir möglich, für diesen Sektor eine Korrektur des Wasserverbrauches zu euren Gunsten in die Statistik einzufügen. Ihr werdet eine Unmenge Wasser brauchen. Das ist dann euer Ballast. Ihr könnt euch reichlich bedienen. Es ist alles durch meine Manipulation abgedeckt.“ Daraufhin machte er eine Pause. „Ihr begeht einen großen Fehler, wenn ihr glaubt, Zeff Coleman wäre ein Dummkopf, der nichts anderes zu tun hat, als Gewichte zu stemmen, um in seiner Abendgarderobe eine gute Figur zu machen.“
Dann stand er auf und ging schnell davon.
Yadina blieb noch ein wenig sitzen. Sie war noch nicht bereit, Bedenken zu haben oder sich gar zu fürchten. Sie genoss die Sonne, das Wasser, welches angenehm ihre Beine umspülte, und den kühlenden Sprühnebel, der heranwehte und ihr Gesicht benetzte. Das Sonnenlicht brach sich darin, schillernd in allen Regenbogenfarben.
Möglicherweise war sie deshalb so gelassen, weil sie im tiefsten Inneren Kyms Berechnungen vertraute und sicher war, die Lösung ihrer Probleme in den Händen zu halten. Was Zahlen und Statistiken anging, so hatte der Mann in der Vergangenheit schon großes Geschick bewiesen. Kalkulationen, ob echt oder gefälscht, waren Dinge, die er brillant beherrschte. Jemand wie er konnte auch unter den Piraten eine glänzende Karriere hinlegen, sollte es für ihn nötig werden unter zu tauchen.
Sie ließ sich sehr viel Zeit, um zum Stützpunkt zurückzukehren. Zeelona war aufgebracht über die Lässigkeit ihrer jüngeren Schwester, aber ihr Zorn legte sich, sobald sie Kyms Pläne erhalten und durchgesehen hatte.
„Ausgezeichnet“, staunte sie. „Er ist wirklich ein Genie.“
„Seine letzte Tat für uns“, sagte Yadina.
„Meint er“, erwiderte ihre Schwester.
„Nein, er wird nichts mehr für uns tun“, beharrte Yadina. „Bei weiteren Schwierigkeiten ist er weg. Vielleicht hat er auch schon das Weite gesucht.“
„Wohin sollte der wohl fliehen?“
„Er weiß schon, wohin er gehen muss.“
In Zeelona stieg ein Verdacht auf, aber sie sprach ihn nicht laut aus und wechselte das Thema.
„Dalmo Zarrack wird in drei Tagen einen Besuch von Zeff erhalten“, grinste sie. „Er wird einen Händler Namens Pako ban Halith spielen. Dalmo freut sich schon auf seinen Auftritt. Er meinte, es belebe seine Vergangenheit als Theaterschauspieler. Er hat ein Haus auf Gorreth im Koliussektor gefunden und ist gerade dabei, es als Kulisse auszubauen. Macht ihm offenbar einen Riesenspaß.“
„Wenn er sich mal nicht übernimmt“, gab Yadina zu bedenken.
„Kann es sein, dass du dabei bist, den Mut zu verlieren.“
„Ich bin nur der Ansicht, wir sollten nicht ganz so leichtfertig sein.“
„Leichtfertig?“, entrüstete sich Zeelona. „Kaum gibt es ein paar Unannehmlichkeiten, da knickst du ein.“
„Davon ist nicht die Rede“, verteidigte sich Yadina.
„Es ist doch bisher alles prächtig gelaufen“, fuhr Zeelona fort. „Dass wir Probleme bekommen würden, war doch einkalkuliert.“
Yadina beendete das Gespräch, indem sie sich zurückzog, um etwas Schlaf nachzuholen. Ihre Schwester hingegen war hellwach und trieb ihre Unternehmung mit Feuereifer weiter voran. Als die Inspektoren gegangen waren, machte sie sich daran, Kyms Pläne in die Tat umzusetzen. Dabei instruierte sie die ankommenden Piloten persönlich. Über das Kommunikationsnetz wollte sie derartig brisante Information nicht weitergeben.
Die folgenden Tage ließen Yadinas Bedenken bedeutungslos erscheinen. Alles lief bestens – nach fünf Tagen erschien Peck Baggit. Er war äußerst freundlich und freute sich, es endlich einmal mit ehrlichen Personen zu tun gehabt zu haben. Mit einer Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, die er ihnen bereitet hatte, verabschiedete er sich. Zeelonas Glück wurde noch gesteigert, als sich Zeff Coleman meldete und sich erfreut über den Besuch bei Pako ban Halith äußerte, dessen Gastfreundschaft er noch ein wenig genießen wolle. Er meinte, seine Zweifel seien ausgeräumt – einem Geschäftsabschluss stehe nun nichts mehr im Wege.
„Herr Baggit weiß über Ihr Unternehmen auch nur Gutes zu berichten“, sagte er plötzlich.
Zeelona stutzte. „Woher wissen Sie von der Inspektion?“ Sie betrachtete das sanft flackernde kleine Hologramm, das Zeff über ihrer Konsole abbildete. Auf seinem Gesicht formte sich ein verschmitztes Lächeln.
„Sie haben das angeordnet“, folgerte sie.
„Meine Befugnisse gehen nicht so weit, dass ich irgendetwas anordnen könnte“, meinte er. „Aber ich habe viele Freunde, die mir noch den einen oder anderen Gefallen schuldig sind.“
Zeelona bemühte sich, Belustigung vorzutäuschen. In Wahrheit aber war sie bestürzt darüber, nicht von selbst darauf gekommen zu sein, dass Zeff dahintersteckte. Sie war sogar so entsetzt, dass sie beschloss diese Tatsache vor Yadina zu verbergen, deren Vorsicht ihr nun mehr als berechtigt erschien. Zeelona ärgerte sich über sich selbst und diese Nachlässigkeit.
„Sie sind ein ausgebuffter Fuchs“, schmeichelte sie Zeff, und sie musste zugeben, dass der junge Mann in ihrer Achtung gewaltig gestiegen war. „Trotzdem bin ich etwas verärgert.“
„Ich musste sicher sein“, fuhr er bedauernd fort. „Andernfalls würde mir mein alter Herr den Kopf abreißen. Wir sind ein traditionsreiches Unternehmen. Und stolz darauf, bislang keine großen Fehler gemacht zu haben. Ich will nicht damit anfangen.“
Dann vereinbarte er mit ihr einen Termin, um die Formalitäten zu erledigen, die Zeelona und Yadina endlich mit ihm ins Geschäft bringen würden.
„Erwähnen Sie die Sache mit Baggit nicht gegenüber meiner Schwester“, gab Zeelona noch schnell zu bedenken. „Sie könnte das falsch auffassen, wenn Sie wissen, was ich meine.“
Zeff verstummte für einen Moment und grinste breit. „Ich verstehe sehr gut“, sagte er vieldeutig und verabschiedete sich.
„Letztendlich doch nicht“, bemerkte Zeelona laut und bitter zu sich selbst, nachdem sie das Nachrichtenportal geschlossen hatte.

Nach drei weiteren Tagen, Zeff hatte gerade seinen Besuch bei Pako ban Halith, dem Geschäftsmann, beendet, erhielt Zeelona Nachricht von Dalmo Zarrack, der für sie in die Rolle des Händlers geschlüpft war. Er zeigte sich amüsiert über den gelungenen Coup und schilderte Zeelona genüsslich und ausgiebig den Verlauf des Besuches.
„Er war sehr neugierig“, sagte Dalmo. „Und es hat sich gelohnt, dass ich mir einen detaillierten Lebenslauf komponiert habe. Er hat mich mehr nach meiner Vergangenheit und meinem Werdegang ausgefragt als nach den “Geschäftsbeziehungen“ zu euch.“
„Und? War er zufrieden?“, wollte Zeelona wissen.
„Ich habe die Fakten meines tatsächlichen Lebens mit einer Menge Dichtung vermengt. Gut gesetzt und wohldosiert, bis ich die ganze Geschichte fast selber geglaubt habe.“
„Hat er sie geglaubt?“, bohrte Zeelona weiter nach.
Das flimmernde Hologramm, das den dicken Mann zeigte, schien einen Augenblick zu erlöschen.
„Hat er den Schwindel bemerkt?“
„Nein“, sagte Dalmo. „Ich denke, die Situation gut genug einschätzen zu können, um das auszuschließen. Aber…“
„Aber?“ Zeelonas Ungeduld meldete sich.
„Er war sehr geschickt darin, nach der Beziehung zu fragen, die zwischen uns besteht. Wie ich schon sagte, hatt ihn das Geschäftliche dabei weniger interessiert als die Frage, von woher wir uns kennen. Ob wir verwandt seien und wie unsere Zusammenarbeit zustande kam. Ich musste mir auch über euch so einiges zusammendichten. An diesem Punkt habe ich dann sehr viel improvisiert. Doch auch das ist mir sehr gut gelungen.“
„Was hast du ihm erzählt – über Yadina und mich?“
„Ich fand es gut, euch einen dramatischen Teil zu geben.“ Dalmo hielt dieses Stück des Betrugs offensichtlich für besonders geglückt. „Ich habe quasi mein Schicksal mit eurem Werdegang verknüpft. Ich erzählte ihm, ich hätte geschäftliche Schwierigkeiten gehabt während der Omneus-Krise, und der größte Teil meiner wichtigen Kunden war nach der Abriegelung des Omneus- und des Ragna-Sektors nur noch über Kolius zu erreichen, den wir ja normalerweise meiden. Zu dem Zeitpunkt lernte ich euch kennen. Ihr hattet Probleme mit eurem Schiff, der Delancy, die durch einen Meteoriten beschädigt war, und ich stellte euch meinen Hangar zur Verfügung, um euch die Möglichkeit zu bieten, Euer Schiff zu reparieren.“
Diese Hälfte der Geschichte entsprach weitgehend einer realen Begebenheit. Nur war Dalmo damals schon ein Pirat gewesen, die beiden Schwestern schlugen sich mit kleinen Gaunereien durch, und beschädigt war die Delancy durch den Beschuss eines Polizeibootes, welches sich dem Pärchen an die Fersen geheftet hatte.
„Diese theatralische Erzählung gefällt mir ganz und gar nicht“, fauchte Zeelona.
„Theatralisch?“, antwortete Dalmo. „Natürlich! Ich spielte im Theater und ich spielte es erneut. Für dich.“ Dabei vollzog er eine übertriebene Verbeugung. Das Hologramm flackerte.
Zeelona begann sich unwohl zu fühlen, aber sie hörte Dalmos weiteren Ausführungen geduldig zu, die besagten, dass die Schwestern die Passage durch den Koliussektor wagten, um für Pako ban Halith Lieferungen zu erledigen. Was sie mit großem Geschick vollbrachten. So hätte ihr kleines Unternehmen seinen Anfang genommen, wobei die Wirren der Omneuskrise dazu den geeigneten Nährboden lieferten. Dalmo schmückte den Erfolg Yadinas und Zeelonas dabei gehörig aus, was Zeelona jedoch eher ärgerte als begeisterte.
„Was hattest du denn erwartet?“, fragte Dalmo. „Ich stellte einen Händler in der Nähe des dunkelsten und gefährlichsten Bezirks Asgaroons dar. Glaubst du dort, wo Licht und Schatten, Hitze und Kälte aufeinander treffen, herrscht ein gemäßigtes Klima? Hätte ich ihm eine Geschichte aus den wohltemperierten inneren Welten Asgaroons erzählt, hätte er mit Sicherheit gezweifelt.“
Diesen Argumenten zeigte sich Zeelona aufgeschlossen. Es steckte viel Wahres in seinen Ausführungen, und wenn ihr etliches auch übertrieben schien, es gab durchaus guten Grund, alles so zu machen, wie Dalmo es getan hatte. Er erzählte danach noch viele weitere Einzelheiten seiner kunstvoll ersonnenen Geschichte, bei denen Zeelona hin und wieder verständnislos seufzte. Aber nun konnte sie dagegen nichts mehr tun und musste sich auf diesen neuen Hintergrund ihrer gefälschten Existenz einstellen.
Nachdem das Gespräch mit Dalmo beendet war, unterrichtete sie ihre jüngere Schwester davon. Yadina lachte und kicherte an einigen Stellen wie ein kleines Kind und zeigte sich über Dalmos Einfallsreichtum sehr amüsiert. Zeelonas Bedenken quittierte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung und grinste dabei über das ganze Gesicht. Über die Sorgen ihrer Schwester konnte sie nur lachen. „Er wird es glauben“, sagte Yadina.
„Warum sollte er das?“, gab sie ungehalten zurück.
„Weil er es glauben will!“, antwortete sie lächelnd. „Ihm wird der Gedanke gefallen, es mit zwei Heldinnen zu tun zu haben, die er dazu noch recht attraktiv findet. Außerdem ist Zeff ein Romantiker.“
„Bist du unter die Mindtracker gegangen?“
Yadina legte sanft die Hand auf die Wange ihrer Schwester, wobei sie ihr liebevoll in die Augen sah. „Denke weniger – fühle!“, sagte sie. „Bei diesem Vorhaben haben wir es mehr mit den Menschen und ihren Eigenarten zu tun als bei all unseren Unternehmungen zuvor. Deine Planung ist perfekt wie immer. Aber das Drumherum ist geprägt von den menschlichen Wünschen, Vorstellungen und Unzulänglichkeiten. Vergiss nicht. Zeff sprach von einem Familienunternehmen und Traditionen. Traditionen haben wenig mit Vernunft zu tun. Sie sind etwas für Nostalgiker.“
Zeelona schwieg und wendete ihren Blick ab.
„In diesen Dingen könnte ich dich kleine Schwester nennen“, meinte Yadina. Und Zeelona, die ihre Worte gehört und auch verstanden hatte, sagte nichts.

Zwei Tage später kehrte Zeff zurück und nahm sofort mit Zeelona Kontakt auf, indem er sie in ihrem Stützpunkt aufsuchte. Yadina gesellte sich zu ihnen, was Zeff sehr gut gefiel.
Zeelona hatte den Eindruck, dass er sie nun beide mit mehr Respekt und größerer Distanz betrachtete. Insofern schien das ganze Theater tatsächlich eine geeignete Basis geschaffen zu haben, die das Übereinkommen förderte.
„Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass die Probleme mit Skylog weiter zugenommen haben“, berichtete Zeff. „Deswegen habe ich mich entschlossen, Sie als neue Kraft einzubringen. Sie werden mit zwanzig Schiffen an den Transporten beteiligt sein, die hauptsächlich in den Norden und den Zenith Asgaroons gehen. Hierbei geht es zum größten Teil um Lieferungen von Raumschiffsbauteilen für die Zulieferer von Werften.“
„Wie sieht es mit den Antiquitäten aus?“, fragte Zeelona.
„Die bleiben noch bei Skylog“, erklärte Zeff. „Mein Vater möchte die Geschäftsbeziehungen zu seinem alten Freund nicht völlig kappen. Außerdem hat sich Theron Calipher, der Chef von Skylog, in all den Jahren als sehr zuverlässig erwiesen. Ich kann euch zwar in diesen Zweig einbringen, aber nur was die Händler angeht, die mit unbedeutenden Azzamaro und Kunstgegenständen Geschäfte machen, sowie Museen und Galerien in den kleineren Metropolen. Die Großen legen sehr viel Wert auf die Leistungen von Theron Calipher und Skylog.“
„Das ist bedauerlich“, sagte Yadina.
„Das heißt nicht, dass Convoy von Lieferungen dieser Art völlig ausgeschlossen ist“, meinte Zeff. „Es wird nicht ausbleiben, dass Sie die eine oder andere Zustellung zu erledigen haben.“
„Wann sollen wir Schiffe für Coleman abstellen?“, fragte Zeelona. „Wir haben Einsätze und müssen es erst schaffen, einige Transporter aus dem Routineplan rauszunehmen, ohne unsere Kunden zu verärgern.“
„In der nächsten Woche, von mir aus“, sagte Zeff. „Zwei Schiffe vorerst, die zwei Routen belegen, die ins Zentrum der Galaxis führen. Bis in drei Wochen dürften wir es schaffen, die zwanzig Schiffe in das Unternehmen einzubinden. Ich denke, wenn alles gut läuft, kann ich die Zahl auf dreißig aufstocken.“
„Das hört sich gut an“, meinte Yadina und füllte drei Gläser mit dem bronzefarbenen, gebrannten Variante des Cremona. „So kann man sich, ohne etwas zu überstürzen, in die ganze Angelegenheit hineinfühlen.“
Zeff nahm dankbar das Getränk entgegen, das sie ihm reichte. „Ja, das ist unbedingt nötig, denn unsere Gepflogenheiten unterscheiden sich beträchtlich von den hektischen Aktivitäten anderer Firmen. Genauso wie die Kunden, die wir bedienen, legen wir Wert auf solide Arbeit.“
„Es wird keine Probleme geben“, sagte Zeelona. „Aber ich möchte noch einmal auf die Antik- und Kunsttransporte zurückkommen.“
Zeff nahm einen Schluck und erwartete Zeelonas Fragen.
„Warum können wir nicht gleich eine Route übernehmen, die einflussreichere Galeristen und bekannte Museen beliefert?“
„Ich habe Ihnen die Gründe genannt.“
„Für sich allein genommen sind sie nicht sehr stichhaltig“, sagte sie. „Sie konnten sich von unserer Qualität und Effizienz überzeugen. Es gibt keinen Grund, uns nicht auch Transporte mit Ware von höherem Wert durchführen zu lassen, um damit auch höhere Gewinne zu erzielen. Wir sind keine Stümper.“
Zeff schwenkte sein Glas und nippte daran. Nach einem tiefen Atemzug eröffnete er: „Es ist wegen meines Vaters. Es hat sich herumgesprochen, dass die beiden tollen Schwestern beabsichtigen, bei Coleman einzusteigen. Er hat sich von mir die Zusicherung geholt, Sie aus dem Geschäft mit den Azzamaro herauszuhalten.“
„Warum?“
„Offen gesagt weiß ich das auch nicht so ganz genau. Aber ich muss die Wünsche meines Vaters berücksichtigen. Wenn ich mich über seine Anordnungen hinwegsetzen würde, könnte er mich aus der Firma nehmen.“ Er versank in kurzem Nachsinnen. „Er ist zwar mein Vater, aber er ist auch Geschäftsmann. Erinnern Sie sich noch an unser Gespräch während der Party? Ich muss noch einmal darauf zurückkommen. Wenn es nach mir ginge, würde ich diesen Geschäftszweig abkoppeln. Ich kümmere mich zwar auch um den Transport der Azzamaro, aber die direkte Leitung hat Jollo Wilson. Er ist ein Mann, dem auch mein Vater vertraut. Er hat weitreichende Befugnisse und einen großen Einfluss auf meinen Vater. Vater kennt meine Abneigung gegen die Altertümer und hat offenbar Bedenken gehabt, ich könnte den ganzen Bereich abstoßen wollen – was gar nicht so abwegig ist. Jollo Wilson ist sozusagen eingesetzt, um mich von Dummheiten abzuhalten.“
„Sollten wir dann nicht besser mit Ihrem Vater sprechen?“, fragte Zeelona.
„Er würde ›Nein‹ sagen“, antwortete Zeff. „Und wenn ich auch mit dem Gedanken gespielt habe, Ihnen in diesem Zweig über längere Zeit hinweg nach und nach mehr Verantwortung zu übertragen, muss ich doch froh sein, dass mein Vater dagegen ist.“
„Warum sollte das gut sein?“, wollte Yadina wissen.
„Ihre Schwester sagte damals etwas vom schwarzen Mann.“ Zeff wendete sich an Zeelona. „Damit sind Sie von der Wahrheit nicht allzu weit entfernt.“
Zeelona suchte nach einer Regung in Zeffs Augen, die ihr verraten mochte, ob er gerade zu Scherzen aufgelegt war, aber er schien wie versteinert und voller Ernst.
„Wenn Sie glauben, Sie hätten es hier mit verstaubten Artefakten oder mit einfachen Steinfiguren und Statuen zu tun“, fuhr er fort, als spräche er zu sich selbst, „dann sind Sie im Irrtum. Wir wissen nur sehr wenig über das große Zeitalter und seine Geheimnisse. Alles, was davon noch übrig ist, scheint seiner einstigen Macht beraubt, aber es gibt Momente, die können einen das Fürchten lehren. Mein Vater weiß davon. Er weiß überhaupt sehr vieles darüber und über all die anderen Gespenster der Vergangenheit. Der Dichter Ares von Wymar sagte darüber, in den Werken dieser längst vergangenen und vergessenen Zeit wirkt ein Schrecken fort, der uns auch heute noch zu peinigen vermag.“ Zeff kehrte wieder in die Gegenwart zurück. Er wirkte wie jemand, der langsam aus einem dunklen Traum heraufgedämmert und noch nicht ganz erwacht war.
Stille hatte sich ausgebreitet. Die beiden Frauen saßen ihm mit offenem Mund gegenüber. Zeelona fing sich als Erste und leerte ihr Glas. „Gut, dann werden wir abwarten, was sich noch so alles ergibt“, meinte sie mit fester Stimme. „Kommen wir nun zum formellen Teil und kümmern uns um die Verträge.“

Nachdem Zeff gegangen war, fiel Zeelona in ein emotionales Loch. Yadina zog sich in ihren Privatraum zurück und wartete, bis sich die Laune ihrer Schwester wieder gebessert hatte. Doch selbst nach einigen Stunden, in denen sich Zeelona mit dem Beheben von Problemen ihres Theaterstücks abzulenken versuchte, fand Yadina sie noch immer in der gleichen schlechten Gemütsverfassung vor.
„Was liegt dir so an den alten Steinbrocken?“, fragte sie.
„Nichts“, gab Zeelona schroff zurück. „Nichts, was einen Archäologen interessieren könnte, der sich über eine wertlose Tonscherbe freuen kann, aber ihr reiner Geldwert, der hat es mir angetan. Der ist immens. Was fragst du überhaupt? Wir waren uns doch einig, dass es letztendlich nur auf das alte Zeug ankommt.“
„Schon gut, schon gut“, beruhigte Yadina. „Wie wollen wir jetzt an die Antiquitäten rankommen? Zeffs Vater hat etliche Sicherungen vor diesen Geschäftszweig geschaltet.“
„Ich arbeite daran.“
„Und? Schon Ergebnisse?“
„Vage Umrisse.“
„Du solltest jetzt nichts überstürzen“, ermahnte Yadina. „Du weißt, dass wir uns auf diese Art nur selber ein Bein stellen werden.“
„Und was würdest du vorschlagen?“, knurrte Zeelona.
„Dass du erst einmal zur Ruhe kommst“, antwortete ihre Schwester, wandte sich ab und machte sich daran, den Raum zu verlassen. An der Türe blieb sie stehen und sah Zeelona an. „Dein erreichtes Etappenziel feierst und die Beine hochlegst. Wir haben es schließlich weit gebracht. Du hast doch selbst nicht damit gerechnet, so schnell so weit zu kommen.“
Damit ließ sie Zeelona alleine und ging hinaus, um sich den Mechanikern im Hangar bei der Arbeit anzuschließen.
Zeelona versuchte, den Rat ihrer jüngeren Schwester zu befolgen, und befasste sich gedanklich mit der Einführung der Transporteinheiten ihrer Flotte in die Coleman Company. Zwar besserte sich ihre Laune etwas, aber unzufrieden blieb sie dennoch. Dieser Zustand änderte sich kaum, bis der Tag kam, an dem Zeff zu einem großen Empfang einlud, bei dem die Schwestern zum ersten Mal Zeffs Vater zu Gesicht bekommen sollten, den großen, geachteten und gefürchteten Culver Coleman.
Der Empfang wurde in der großen Lagerhalle der Gesellschaft abgehalten. Die riesige Ansammlung von Containern und Transporteinheiten bot eine großartige Kulisse und vermittelte ein beeindruckendes Bild von der Größe des Unternehmens. Ein bekannter Künstler hatte ein Beleuchtungskonzept erstellt, das die riesigen Verlademaschinen und Container in ein dramatisches Licht tauchte.
Culver Coleman war mit seiner schlanken, hochgewachsen Gestalt eine imposante Erscheinung. Seine langen graue Haare hatte er zu einem kleinen Zopf in der Manier antiker Adeliger zusammengebunden, als wäre er einem längst vergangenen Zeitalter entsprungen. Ein älterer Herr, der Würde und Autorität ausstrahlte. Der maßgeschneiderte, silberglänzende Anzug, der mit altertümlichen, schillernden Ornamenten durchwebt war, wirkte er umso mehr wie ein Fürst aus der Großen Zeit.
Yadina bemerkte sofort, dass das Große Zeitalter einen wesentlichen Bestandteil seines Denkens und Charakters ausmachen musste. Sie sah es an seiner Kleidung, den Ringen die er trug, seiner Haltung und am Blick seiner Augen, der sich tief in ihr Herz hineintastete. Für einen Augenblick stahl sich ihr die Luft aus den Lungen und ein Schauer durchlief ihren Körper. Culver Coleman, der dies bemerkt zu haben schien, ging mit weit ausholenden Schritten auf sie zu. Er umfasste ihre Hand und lächelte.
„Eine Schönheit, die man nicht aus den Augen lassen sollte“, sagte er zu Yadina. „Der eigentliche Anlass kann sich nicht mit diesem Anblick messen. Diese schönen Augen sind die lichten Fenster einer großen Seele.“
Danach reichte er Zeelona die Hand. Auch für sie hatte er passende Worte parat, die Zeelona jedoch eher unangenehm berührten.
„Eine Frau mit Ambitionen“, sagte er vieldeutig. „Ambitionen verleihen einem Menschen Schönheit. Man soll solche Leute immer im Auge behalten.“
Als er sich den anderen Gästen zuwandte, ließ er eine verzückte Yadina und eine verstörte Zeelona zurück.
Der Abend verging. Es ergab sich keine weitere Gelegenheit für die beiden, mit Zeffs Vater einige Worte zu wechseln. Zum einen, weil Yadina der Ansicht war, weitere Worte würden nur den guten Eindruck schmälern, den sie unverfälscht in ihrer Erinnerung tragen wollte, zum anderen, weil Zeelona nicht den Drang verspürte, sich dem alten Mann erneut zu nähern. Sie hatte den Eindruck, er könne direkt in ihr Herz sehen. Es war ihr unangenehm, in seiner Nähe zu sein. Allerdings beobachtete sie ihn über den gesamten Verlauf der Feier hinweg aus der Ferne, denn ihr war nur allzu klar, dass er eine Gefahr für ihre Unternehmung darstellte. Kapitel 5

Als es spät geworden war, sich der Empfang dem Ende zuneigte und die meisten Gäste gegangen waren, fanden sich die Schwestern und Zeff bei Schiff Nummer 10333 ein, um noch letzte Vorbereitungen zu treffen, bevor es, schwer beladen, zu seinem ersten Flug für die Coleman Company aufbrechen würde. Es stand in einer weiten Halle nahe des Coleman-Gebäudes. Bald war das Lager wieder erfüllt vom Brummen der Maschinen und dem Lärmen der Magazinmannschaften. Arbeiten, die wegen der Feier liegen geblieben waren, mussten nun die Nacht hindurch angepackt werden und noch vor Morgengrauen erledigt sein.
Zeff und Yadina waren sofort miteinander in ein seichtes Gespräch vertieft, während Zeelona Mühe hatte, ihren Grübeleien zu entfliehen. Immer wieder beäugte sie argwöhnisch das geschäftige Treiben. Ihre Anspannung wurde deutlich sichtbar.
Währenddessen begannen die Laderoboter, die Fracht in das Schiff zu schleppen. Salemay Yannori, der Pilot von Nummer 10333, registrierte jeden Container und überprüfte, flankiert von seinem hilfreichen Protokollroboter, deren ordnungsgemäße Unterbringung im Frachtraum mit äußerster Sorgfalt. Auf der Laderampe stehend, warf er in regelmäßigen Abständen den einen oder anderen Blick auf Zeelona, um sich ihres Einvernehmens zu versichern.
Jollo Wilson näherte sich den Schwestern und Zeff Coleman. Der Mann war jung, etwa achtzig Jahre alt, und legte ein arrogantes Auftreten an den Tag. Er ließ Yadina und Zeelonas deutlich spüren, dass er nichts von ihnen hielt. Weder begrüßte er sie noch richtete er auch nur ein Wort persönlich an eine der beiden.
„Ihr Vater möchte, dass ich einen weiteren Auftrag für die zwei Schwestern vorbereite“, sagte er zu Zeff.
Der wunderte sich. „Mein Vater möchte das?“
„Ja, er hat sich dazu entschlossen, kurz bevor er ging“, erklärte er.
„Soll ich sie einweisen?“ Zeff machte eine einladende Handbewegung in Richtung der zwei Frauen.
„Ihr Vater möchte, dass ich das tue.“ Herr Wilson musterte die beiden eingehend, dann forderte er sie auf, mit ihm zu kommen.
Die Nebenhalle war bis unter die Decke gefüllt mit Containern und Behältern aller Formen und Größen. Es gab große, grobe Holzkisten sowie Flexoplexglasbehälter, Metall- und Kunststoffkästen, die dicht an dicht übereinandergestapelt waren. Einige der Behälter waren riesig, andere hingegen so klein wie ein Schuhkarton oder eine Streichholzschachtel. Herr Wilson führte Yadina und Zeelona in sein Kontor, setzte sich an seinen Schreibtisch und händigte jeder ein dickes Buch mit Vorschriften und Anweisungen aus.
„Sie sollten jeden Paragrafen davon auswendig können“, sagte er. „Lesen Sie es in Ruhe durch.“
Die beiden Frauen blätterten die Bücher durch und überflogen einige Absätze. Aber es war natürlich zu viel Information auf einmal. „Wollen Sie Ihre eigenen Verladeroboter verwenden oder soll ich unsere Einheiten einsetzen?“, wollte Jollo Wilson wissen.
„Wir nehmen unsere Eigenen, danke“, sagte Zeelona knapp.
„Gut, dann nennen Sie mir die Typen. Ich werde sie anschließend entsprechend programmieren.“
Zeelona zog ein winzig kleines Terminal hervor, das wie ein Lippenstift aussah, und reichte es dem Mann, der es an seinen Computer anschloss, um die Daten zu übermitteln. Auf dem Bildschirm erschienen Symbole und technische Darstellungen, die er interessiert studierte.
„Alt, aber bewährt“, sagte Jollo Wilson und begann, die Angaben zu ordnen. Die beiden Frauen mussten warten, bis er fertig war, wobei er es unterließ, ihnen eine Sitzgelegenheit oder eine Getränk anzubieten. Dann erhob er sich unvermittelt und hieß die beiden, ihm zu folgen.
Er führte sie durch das gefüllte Lager und deutete auf eine große, aufrecht stehende Holzkiste. „Behältnisse mit einem Kreuz dürfen nur einzeln transportiert werden“, ermahnte er und betätigte einen Schalter an einem kleinen Apparat, der an der Kiste angeschraubt war. Ein Stück Papier wurde bedruckt und ausgeworfen. Jollo Wilson hielt es hoch und las vor, als verkünde er eine Offenbarung: „Item Nr. 25173-nn. Sonderanweisung: Einzeltransport. Sicherheitsabstand zu anderen Klasse-A1-Gütern: mindestens drei Meter. Transportart: Hyperlinie. Keine Fayroopassage.“ Dann steckte er das Blatt in den Vernichter, der ebenfalls in die Apparatur eingebaut war, und mit einem leisen Summen löste sich das Papier in feinen Rauch auf.
„Was ist ein Klasse-A1-Gut?“, wollte Yadina wissen.
„Azzamari“, antwortete Herr Wilson. „Azzamari aller Formen und Größen.“ Damit ging er weiter und deutete auf die gefüllten Regale, die wie hohe Wände bis unter die Hallendecke hinaufreichten. „All diese Kisten sind angefüllt mit ihnen, jedoch nicht mit einem weißen Kreuz gekennzeichnet“, fuhr er fort. „Diese Frachtgüter können Sie unterbringen und verteilen, wie Sie lustig sind. Aber auch hierbei gilt: Meiden Sie stets die Fayroo. Gehen Sie nicht näher als nötig heran. Halten Sie sich an den Sicherheitsabstand. Faustregel: größte Ausdehnung des Tores mal zehn. Das Ergebnis entspricht dem Mindestabstand.“
„Warum das?“, fragte Yadina.
„Es hat sich bewährt, die Tore zu meiden“, sagte er. „Wir befahren ausschließlich die Hyperrouten.“
„Aber wieso?“ Yadina behagte die ausweichende Antwort des Mannes nicht.
„Wollen Sie es herausfinden?“
„Es genügt uns zu wissen, dass dies zu den Gepflogenheiten Ihrer Firma gehört“, schaltete sich Zeelona ein, die sich an Zeffs Information bezüglich besonderer Verfahrensweisen in der Firma erinnerte, die sein Vater angeordnet hatte.
Jollo Wilsons Blick ruhte noch einen Herzschlag lang auf Yadina, dann wandte er sich an ihre ältere Schwester. „Ja, so sind die Gepflogenheiten bei uns“, sagte er und setzte seinen Rundgang fort. „Wir sind ein altes Unternehmen“, führte er weiter aus. „Unsere seltsamen und ungewöhnlichen Prozeduren – Sie werden im Laufe der Zeit noch einige weitere kennenlernen – entspringen unserer sehr, sehr weit zurückreichenden Erfahrung und haben dem Unternehmen bisher viele Unannehmlichkeiten erspart.“
„Man hat uns versichert, Ihre Firma sei das renommierteste Unternehmen hier“, schmeichelte Yadina. „Es hat einen guten Ruf in Asgaroon.“
„Einen vortrefflichen Ruf“, verbesserte er sie.
„Wie alt ist Ihr Unternehmen?“, fragte Yadina.
„Es wurde vor zehntausend Jahren gegründet“, führte er stolz aus. Dieses Thema schien ihm am Herzen zu liegen. „Vanetha war damals noch sehr klein, aber es gab schon den Händler Coleman, der am Wohlstand und dem Aufbau dieser Welt einen wesentlichen Anteil hatte.“
„Eine richtige Dynastie.“ Yadina war voller Bewunderung, doch ihre letzte Äußerung veranlasste Jollo Wilson, kein weiteres Wort mehr darüber zu verlieren. Sie hatte den Eindruck, er glaubte, sich zu weit vorgewagt zu haben, was dieses Thema betraf, und beschloss, es von nun an zu meiden. Kapitel 6

In den folgenden Wochen verrichteten Schiffe und Besatzungen vortreffliche Arbeit für Zeff Coleman, was nicht zuletzt daran lag, dass Salemay Yannori ein strenges Regiment unter den Teams führte und die Zügel straffer hielt, je mehr der Coup seiner Vollendung zustrebte.
Zuletzt waren es fünfunddreißig Schiffe, die für die Firma flogen, während die verbleibenden fünfzehn eingesetzt wurden, um mit ständig wechselnden Kennungen den Mummenschanz fortzuführen und auf den Verkehrswegen Vanethas gesehen zu werden. Währenddessen wartete Zeelona ungeduldig auf die passende Gelegenheit, endlich den finalen Akt ihres Planes durchführen zu können. Und schneller, als sie dachte, kam dieser Tag.
Jollo Wilson suchte sie eines frühen Morgens in ihrem Stützpunkt auf und brachte einen Stapel Papiere sowie einen tragbaren Computer mit, um mit ihr die Einzelheiten eines größeren Transportvorhabens zu besprechen.
„Es betrifft beinahe das gesamte Lager“, bemerkte Zeelona ungläubig und konnte ein Zittern ihrer Stimme kaum unterdrücken.
„Einundachtzig Prozent des gegenwärtigen Bestandes“, sagte Jollo Wilson. „Herr Coleman, Culver Coleman, möchte Sie mit der kompletten Verschickung, der Azzamari betrauen. Vorausgesetzt, Sie erklären sich für ein Unterfangen dieser Größenordnung bereit.“
Zeelona spielte einige Sekunden lang die Nachdenkliche und legte versonnen die Fingerspitzen an ihre Lippen. Dann sagte sie zu.
„Das Lazaree-Museum und die Giverny-Stiftung veranstalten die bislang umfangreichste Ausstellung zum Thema Großes Zeitalter“, sagte Wilson. „Das Museum sowie die Stiftung legen den größten Wert auf eine zuverlässige termingerechte Zustellung. Diese Ausstellung ist ein Ereignis auf höchstem Niveau. Zahlreiche hochrangige Persönlichkeiten werden zugegen sein. Daher versteht es sich von selbst, dass es keinerlei Verzögerungen, Versehen oder Unzulänglichkeiten geben darf.“
Zeelona nickte zustimmend.
„Es ist ein absoluter Vertrauensbeweis, den Herr Coleman Ihnen damit zukommen lässt. Mit Sicherheit ist Ihr Erfolg in dieser Angelegenheit maßgeblich für die weitere Zusammenarbeit und Ausdehnung derselben in der Zukunft.“
„Ich sehe das genauso“, antwortete sie, überaus zufrieden mit der augenblicklichen Entwicklung.
Noch lange, nachdem Jollo Wilson gegangen war, saß Zeelona wie benommen in ihrem Sessel und starrte scheinbar ins Leere. So fand Yadina sie, die seit Tagesbeginn im Hangar tätig gewesen und der Jollo Wilsons Besuch daher entgangen war. Zeelona tat so, als hätte sie ihr Kommen nicht bemerkt, und sprach leise, wie zu sich selbst.
„Sie präsentieren uns das ganze Lager auf dem Silbertablett“, murmelte sie. „Beinahe glaube ich, es passiert alles zu schnell.“
Danach lächelte sie und wirkte so entspannt wie schon lange nicht mehr. Überzeugt von ihrer eigenen Genialität erzählte sie ihrer Schwester die Neuigkeiten.
Yadina, die ihre Zweifel nicht verbergen konnte, stand ihr, an die Tür gelehnt, gegenüber und schüttelte den Kopf.
„Die Freundlichkeit von Culver Coleman, uns diesen Megaauftrag zu übergeben“, sie presste die Lippen aufeinander und runzelte die Stirn, „ist bestimmt mehr als nur eine Gefälligkeit. Ich frage mich, was dahintersteckt.“
„Was sollte denn dahinterstecken? Er ist eben seines Sohnes Vater und hat ebenso eine Schwäche für schöne Frauen – mein hübsches kleines Schwesterlein.“
„Du weißt, was er als Erstes zu unserer Begrüßung gesagt hat“, erinnerte Yadina. „Besonders dich hat das doch ziemlich unangenehm berührt.“
„Ach was.“ Zeelona machte eine wegwerfende Geste. „Worte, nichts als Worte. Ich habe sie überbewertet. Der Stress der letzten Tage und die Anspannung. Zu viel Nachdenken vernebelt den Geist.“
„Was sagt dir dein Gefühl?“
„Die sogenannte, weibliche Intuition“, antwortete sie herablassend, „meine Sache war die noch nie.“
„Dafür meine umso mehr.“ Kapitel 7

In der folgenden Woche war Zeelona mit eingehenden Planungen beschäftigt. Sie hatte Jollo Wilson davon überzeugt, dass es am besten sei, die gesamte Verschickung auf einmal vorzunehmen. Unter dem Vorwand, alle Kräfte für diesen Auftrag aufbieten zu wollen, um die schnellste und beste Lieferung zu gewährleisten, ließ sie alle verfügbaren Schiffe im und um das Frachtareal Aufstellung beziehen. Für die sonstigen Sendungen aber, die das normale Frachtgut betrafen, wollte sie zehn andere Schiffe abstellen. Doch Jollo Wilson meinte, da er Zeelonas Vorgehen ebenfalls für effektiv hielt, die verbleibenden Warensendungen könnten in der Zwischenzeit von einer anderen Spedition erledigt werden. Somit waren zuletzt alle ihre Einheiten in den Transport der Azzamaro integriert.
Zeelona, deren Vorhaben offenbar weitaus besser verlief, als sie zu wagen gehofft hatte, musste sich zusammenreißen, dabei nicht vor Freude aus der Fassung zu geraten, und stimmte zu. Yadina, die mit den Details des Verladevorgangs betraut und mittlerweile völlig übermüdet war, eilte zwischen den dahinstaksenden Heberobotern hin und her. Sie scheuchte die Frachtarbeiter mal hier, mal dorthin und überprüfte ab und an die Schiffsysteme mit den verantwortlichen Crewmitgliedern. Alles lief perfekt. Jeder füllte seinen Posten und seine Rolle fehlerlos aus. Innerhalb eines Tages waren beinahe alle Kisten, Truhen und Container verstaut worden. Lediglich einige wenige Päckchen waren noch in den Regalen verblieben und wurden nun so verteilt, dass sie die spärlichen Lücken in den zum Bersten vollgestopften Frachträumen ausfüllten.
Yadina lehnte erschöpft an einem der mächtigen Landebeine unter dem Rumpf eines ihrer Schiffe. Polternd stapfte ein zweibeiniger Frachtstelzer vorbei, einen hohen, groben Holzkasten, markiert mit einem weißen Kreuz balancierend. Yadina sah diesem letzten Teil der Sendung nach. Ein Schauder überkam sie, als streiche ihr ein kalter Windhauch über den Körper. Der Stelzer schien unter dieser Bürde zu wanken, als sträube er sich dagegen, mit ihr belastet zu sein. Seine Gelenke quietschten und das Hydrauliksystem begann, zu ächzen. Währenddessen zog eine Reihe zwergenhafter Maschinen vorüber, die kleine Behälter trugen, wie eine Gruppe von Blattschneiderameisen das zerkleinerte Laub. Gleich einer seltsamen Prozession folgten sie dem träge dahinwankenden Roboter, der behäbig die Laderampe hinaufstieg.
„Dann hätten wir es nun geschafft“, stellte Zeelona fest.
Yadina, die von der hypnotischen Bewegung des gemächlich dahinziehenden Robotertrosses wie in Trance versetzt schien, wandte Zeelona nur langsam ihre Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als dämmere sie träge aus einem Traum empor.
„Geschafft?“ Sie wischte sich müde über die Augen. „Du wirst alles verlieren! Wir werden alles verlieren.“
Zeelona packte ihre Schwester an den Schultern. „Was ist nur mit dir los?“, zischte sie. „Du bist kein Orakel. Du bist nur meine kleine Schwester.“ Sie schüttelte Yadina ärgerlich. „Komm wieder zu dir und erledige deinen Teil der Arbeit.“
Aber Yadina war nun wieder hellwach und alle ihre Sinne geschärft. Das Unternehmen ihrer Schwester war für sie in so weite Ferne gerückt, dass dessen endgültiger Ausgang sie nur wenig interessierte. Auch wenn sie nicht wusste, woher sie ihre Gewissheit nahm, wurde ihr einmal mehr klar, dass Zeelona scheitern würde.
„Alles ist bereit“, sagte Yadina und verfiel dabei in Befehlston. „Gib den Piloten ihre Anweisungen.“

Die Beiden stiegen in den teuren Gleiter, den sie sich einige Tage zuvor angeschafft hatten, und drehten eine letzte Runde durch die Reihen der startbereiten Schiffe, die breitbeinig auf ihren Landegreifern standen wie Soldaten, die ihre Befehle erwarteten. Die Triebwerke liefen an. Ein Rumoren erfüllte die Halle, der Boden erbebte. Erst jetzt nahm Yadina die Größe der Halle wahr, in der die vielen Frachtgüter standen. Sie fragte sich, was Coleman über die Jahre alles gesammelt hatte und was sich in einigen der großen Behälter befinden mochte. Einige waren so riesig, dass man darin komplette Monumente vermuten konnte.
„Nun machen Sie aber, dass Sie fortkommen“, schrie Jollo Wilson, der in einem einfachen Kuli herangeschwebt war und dessen Stimme aus einem Lautsprecher schnarrte. „Machen Sie den Platz frei. Hier gehen gleich einige Containerfähren runter.“
Dabei wies er auf das Dach, welches sich allmählich öffnete und den Blick auf den blauen Himmel freigab. Sonnenlicht flutete hell herein. Der Luftraum über dem riesigen Colemankomplex wurde von einer Flotte Raumschiffe und Pendelgleiter beherrscht, die ebenfalls darauf warteten Ware abzuholen, oder anzuliefern. Ein mächtiges Walzenschiff sank langsam aus großer Höhe herab. Seine Repulsor-Emmitter begannen, summend Energie aufzunehmen, um dem monströsen Schiffsleib ein Ruhelager über dem Häusermeer zu bieten. Flinke Fähren und Frachtgleiter stiegen auf, um dessen Ladung zu löschen und in das weitgehend geleerte Lager zu bringen. Eilig stapften die Laderoboter auf ihre Stationen, bereit, die Halle erneut aufzufüllen.
Zeelona und Yadina waren für eine Weile wie versteinert angesichts des aufkommenden Tumultes und des Dröhnens, die das Gebäude erzittern ließen.
„Ich fragte mich schon, wie lange die Räume wohl leer stehen würden, nachdem wir sie geplündert haben“, bemerkte Yadina amüsiert.
Zeelona starrte wie gebannt auf die Phalanx von Transportvehikeln und Trägerrobotern, die sich wie eine stählerne Armee zum Angriff formierte. Es surrte und brummte, polterte und dröhnte wie in einem Stahlwerk, als sich die einzelnen Gruppen in Marsch setzten.
„Die verlieren wirklich keine Zeit“, hauchte Zeelona.
„Nun starten Sie endlich!“, wiederholte Jollo Wilson.
Zeelona ließ sich das kein weiteres Mal sagen und gab endlich den Startbefehl.
Die Schiffe zündeten die Triebwerke und stiegen schnell in die Höhe wie ein brummender Hornissenschwarm. Zeelona und Yadina beobachteten den Abflug ihrer Flotte von ihrem Gleiter aus, bis die Fahrzeuge verschwunden waren.
„Was werden Sie nun tun?“, fragte Jollo Wilson. „So viele Schiffe für einen Auftrag. Haben Sie überhaupt noch Kapazitäten für andere Kunden?“
„Wir werden uns danach etwas Urlaub nehmen“, sagte Yadina. „Einen langen, wohlverdienten Urlaub. Und wenn das alles erledigt ist, brauchen wir keine weiteren Kunden mehr.“
„Wie kann ich Sie dann erreichen?“, fragte Wilson. „Nur für den Fall von Abstimmungsfragen.“
„Wir bleiben hier“, antwortete Zeelona. „Sie können uns in unserem Stützpunkt erreichen.“
Jollo Wilson schien zu lächeln, ein Lächeln das Yadina überhaupt nicht gefiel. Er sah aus, wie jemand, der eine Falle witterte, und neugierig war, was passierte. Die beiden wechselten einen langen Blick, dann beschleunigte der Mann sein Fahrzeug und fuhr davon.
„Wollen wir wirklich hierbleiben?“, fragte Yadina. „Mir wäre es lieber, die Zelte abzubrechen und den Schiffen sofort hinterherzufliegen.“
„Abwarten“, antwortete Zeelona und setzte den Gleiter in Bewegung. Sie ließ ihn sich elegant in die Höhe schrauben, bis er weit über den Gebäudekomplex der Colemans hinausgeflogen war. Dann ließ sie den Gleiter ein Stück weit absacken, raste in die Häuserschluchten hinab, nahm Geschwindigkeit auf, sodass die Motoren aufheulten und jagte ihn in ein freies Stück Himmel hinein. Sie lachte und schrie voller Übermut. Nach einer Weile hatte sie sich wieder beruhigt und reihte sich in den zäh dahinfließenden Verkehrsstrom ein, der in schier endlosen Reihen über den Dächern der Stadt hinwegströmte.
Die warme Luft wirbelte durch das Innere des offenen Fahrzeuges und spielte mit den Haaren der beiden Frauen.
„Warum bleiben wir?“, fragte Yadina erneut. „Wir sollten die Beine in die Hand nehmen und von hier verschwinden, so schnell wir können. Weshalb sollten wir auch nur eine Minute länger bleiben als nötig?“
„Weil wir warten müssen, bis die Schiffe fort sind“, sagte Zeelona. „Sähe doch seltsam aus, wenn wir plötzlich verschwinden würden.“
„Ich verstehe nicht“, wunderte sich Yadina. „Unsere Schiffe können doch sofort in den Hyperraum springen.“
„Und dann könnte man ihre Route berechnen, der Tunnelemission folgen, oder Abfangschiffe aussenden.“
„Diese Technik besitzt nur der Kaiser. Und sie ist sehr ungenau.“
„Aber sie exsistiert. Und ich bin sicher Coleman, hat Beziehungen bis nach ganz oben.“
In Yadina stieg eine Befürchtung auf. „Du hast den Plan geändert. Wohin schickst du sie?“
„Ja, habe ich“, antwortete Zeelona. „Seitdem ich mir bewusst bin, dass Zeff kein kompletter Idiot ist, habe ich beschlossen solang wie möglich den Schein zu wahren und keinen Verdacht zu erregen.“
Yadina schwieg betroffen, während Zeelona ihre Überlegungen weiter ausführte.
„Ich bin mir sicher er überwacht den Kurs der Schiffe“, erklärte sie. „Würden sie den Sprungpunkt nicht ansteuern, sondern ein Fayroo anfliegen, werden sie seine Freunde von der Verkerhsbehörde abfangen. Unsere Leute nutzen den Sprungpunkt, um nach Chalderon zu springen. Ein ziemlich einsames System. Ich vermute dass dort keine unangenehmen Überraschungen auf uns warten.“
„Außer Colemann hat gute Freunde auf dem Sprungpunkt“, gab Yadina zu bedenken. „Die Sprungpunkte gehören dem Imperium. Wenn da einer ausplaudert, wo die Schiffe hinfliegen, wird man sie dort erwarten.“
„Solange wir hier sind, wird niemand Verdacht schöpfen, wir wollten etwas stehlen. Wenn man fragt, werde ich eine Ausrede parat haben.“
„Und im Chalderon System sollen sie dann ein Fay benutzen um nach Hause zum Stützpunkt zu fliegen“, folgerte Yadina.
„Ja“, antwortete Zeelona. „Wenn sie Chalderon unbehelligt erreicht haben, dürfte nichts mehr passieren. Aber sicher bin ich erst, wenn die Schiffe Zuhause angekommen sind.“
„Wilson sagte doch, es sei nicht gut, die Tore zu benutzen.“
„Dummer Aberglaube.“
„Woher willst du das wissen?“ Yadina konnte über ihre Schwester nur den Kopf schütteln.
„Was sollte es denn sonst sein?“, setze Yadina nach.
„Manchmal glaube ich, du hast über die Jahre hinweg nichts gelernt“, sagte Zeelona mitleidig. „Natürlich will er nicht, dass wir die Fayroo verwenden. Sie sind der sicherste Fluchtweg.“
Yadina sah ihre Schwester so finster und ernst an, dass diese ihrem Blick auswich und kein Wort mehr sprach, bis sie auf dem Dach ihres Stützpunktes landeten. Kapitel 8

Phil McCormick war ein hagerer, vierschrötiger Typ mit langen blonden Haaren, die zu dünnen Zöpfen geflochten waren und unter seiner Schirmmütze herabhingen. Kleine Perlen und Ringe aus Horn und Knochen waren darin eingearbeitet. Seine gebräunte Haut zeigte viele helle Narben. Er machte nicht den Eindruck, als sei er jemand, dem man leicht Angst zu machen konnte, aber wie einer der umso mehr Furcht verbreitete. Jetzt aber blickte er gespannt aus dem Cockpitfenster und drehte einen kleinen Holzzylinder, der an einem Lederband um seinen Hals hing und in dem sich etwas Salz befand.
Salemay Yannori machte die Nervosität seines Copiloten unruhig. „Ist doch nicht das erste Mal, dass du ein Fay benutzt, oder?“ Schnauzte er McCormick an.
Der antwortete nicht sofort, sondern betrachtete den goldenen Ring, der vor seinen Augen zu gewaltiger Größe anwuchs, mit zunehmender Sorge. Sein Durchmesser mochte gut zwanzig Kilometer betragen. Einige Schiffe reihten sich davor ein, um transportiert zu werden, und ein Paar Schiffe, die aus allen Teilen Asgaroons kamen, spuckte das Tor gerade aus. In einer schier endlosen Bahn flogen sie an der Transportflotte Zeelonas vorbei und strebten dem Inneren des Sternsystems zu.
„Hab seit Jahren keins mehr benutzt.“ Bemerkte Phil McCormick knapp.
„Ich wusste nicht, dass du auch zu den Schissern gehörst.“
„Von wegen Schisser“, gab er verärgert zurück. „Ich hab gute Gründe. Die Dinger sind wie Vampire. Sie leben von unserer… „
„Schluss jetzt!“ Unterbrach Yannori zornig. „Zeelona hat nicht jahrelang auf diesen Coup hin zugearbeitet, um ihn jetzt durch Hasenfüße wie dich gefährden zu lassen.“
„Keine Sorge“, verteidigte sich McCormick. „Ich bin ja dabei. Aber sie hätte uns besser gesagt, dass die Tore bei ihrem Plan eine Rolle spielen. Sie wusste, dass viele der Jungs damit Probleme haben.“
Inzwischen war das Transportschiff dem Fay so nahe gekommen, dass Salemay Yannori fühlen konnte, wie der Torlenker nach seinen Gedanken ausgriff.
„Chalderon System“, dachte und flüsterte er mit bebenden Lippen, und das Schiff wurde in den geheimnisvollen Tunnel zwischen den Welten gezogen.
Im gleichen Moment fing die Kanzel an zu zittern und die Konsolen zu vibrieren. In den Gedanken der beiden Männer begannen sich Traumbilder und Worte zu formen. Stimmengewirr, Gekreische und eine Flut grauenvoller bizarrer Visionen. McCormick wurde kreidebleich.
„Du hast es auch gehört?“, fragte er.
Salemay Yannori zögerte. „Hören ist nicht das richtige Wort.“
Er löste die Fensterverdunkelung aus, um das blendende Lichterspiel im Inneren des Tunnels zu dämpfen.
„Akaj Measu“, wisperte McCormick, der die Worte wiederholte, die sich klar und deutlich in seinem Sinn geformt hatten. „Ob das der Kiray des Tores war? Und was meint er damit?“
„Natürlich war das der Torlenker. Wie kannst du daran zweifeln.“ Yannori schüttelte den Kopf, holte seinen Strahler aus dem Holster und überprüfte ihn geflissentlich. „Bei mir war er deutlicher.“
„Was hat er gesagt?“
„Viel Spaß.“
Kaum hatte er es ausgesprochen, plärrte eine Alarmsirene los. Das Licht erlosch und die rötliche Notbeleuchtung flammte auf.
Der Lautsprecher knackte und eine weibliche Stimme war zu hören.
„Das solltet Ihr euch mal ansehen“, sagte eine Frau atemlos. „Ich glaubs nicht, wenn…“
Yannori und McCormick sahen einander an.
„Sheera?“, fragte Yannori, aber die Verbindung zum Frachtdeck blieb stumm. „Flask! Pete!“
Es kam keine Antwort mehr.
Salemay Yanori erhob sich aus dem Sitz. „Gehen wir nachsehen.“
Phil McCormick gehorchte widerwillig, als sich die tonlose Stimme des Zentralrechners meldete. „Rettungskapsel RV 12627-PQ aktiviert. Versiegelt.“
„Wer kann so verrückt sein, innerhalb einer Passage das Schiff zu verlassen?!“
Yannori schien die Fassung zu verlieren.
Die elektronische Stimme sprach ungerührt weiter. „Abgekoppelt. Triebwerke gezündet. Transpondersignal verloren.“
„Was zur Hölle!“ Phil McCormick stand ebenfalls auf und holte seine Railgun aus dem Holster.

Das Verbindungsschott zum großen Frachtraum stand offen, aber der Türflügel glitt immer wieder heraus, um den Korridor zu verschließen, bevor er auf ein Hindernis stieß und erneut in den Rahmen zurückfuhr. Das passierte mehrere Male, bis Yannori einen Schalter an der Wand betätigte und das Schott zum stehen kam und einen schmalen Spalt offen ließ.
Vorsichtig näherten sich Yannori und McCormick der Schleuse und blickten in die Frachtkammer dahinter. Die beiden Männer erkannten verzierte Platten und Fragmente von Wänden, die irgendwie in die Struktur des Schiffes übergegangen waren und sich damit verbunden hatten. Es sah aus, als hätte ein irrer Künstler, opulente antike Objekte in die kühle und effiziente Konstruktion des Schiffes integriert. Bunte Scherben irgendeines kristallinen Stoffes schwebten schwerelos in der Luft. Einige rotierten sachte um ihre eigene Achse. Eine betörend faszinierende Szene.
Die Zwei zwängten sich durch den Spalt zwischen dem Türsegment und dem Azzamari, das die Wände durchdrungen und zum Teil überzogen hatte um sich einen größeren Überblick zu verschaffen. Sie sahen, dass alle Kisten und Container aufgebrochen waren. Fragmente von Statuen und Fresken hingen reglos in der Luft und bildeten ein seltsames dreidimensionales Muster.
„Was zum Henker…“, zischte McCormick, als ein vielbeiniges, spinnenartiges Objekt hinter einem Container zum Vorschein kam. Sein Körper hatte die Form eines flachen, ovalen Kiesels und war von kunstvollen Ornamenten bedeckt. Die langen Beine, welche an den Seiten herauswuchsen, besaßen mehrere Kugelgelenke und liefen in klingenartigen Spitzen aus, die tiefe Kratzer in den Boden ritzten, wenn es sich bewegte. Es war beschädigt und zog ein verkrümmtes Bein nach. Immer wieder stieß es gegen andere Objekte und gegen die Schiffswand, als sei es ein Roboter mit defekter Navigationssensorik. Schließlich hielt es inne, als es die zwei Männer bemerkt hatte.
Salemay Yannori hatte schon etliche Variationen von Mechanoiden gesehen, aber dieser hier schien auf sonderbare Weise lebendig.
Während die beiden das Ding betrachteten, begann sich seine Oberfläche zu verändern. An einigen Stellen entstanden Löcher, als würden sie von einer starken Säure in das Metall gefressen.
Salemay Yannori stieß McCormick beiseite und warf sich auf den Boden. Mehrere Geschosse zeichneten helle Bahnen in die Luft. Es knallte einige Male und Funken sprühten an den Wänden, wo sie einschlugen. Salemay Yannori erwiderte das Feuer und traf ein Bein der Maschine, die herumgerissen wurde und für einen Moment in die Knie ging, als hätte man ihre Energie abgeschaltet. Phil McCormick war ebenfalls ein guter Schütze und zerfetzte den Leib des Angreifers mit gezielten Schüssen aus seiner Railgun. Das seltsame Metall zersplitterte an einigen Stellen wie Glas. Scharfkantige Scherben spritzen durch die Luft und fielen klirrend zu Boden.
„Verdammt soll ich sein, wenns hier nicht mit dem Teufel zugeht“, fluchte er und stand auf, um sich die Überreste der Maschine näher anzusehen.
Als er sich den Bruchstücken näherte kam Bewegung in das Chaos. Die Teile begannen zu schweben und flogen in einer dichten Trümmerwolke an den zwei verblüfften Piraten vorbei. Sie stieg höher und höher, bis sie sich in das geometrische Muster einordnete, das von all den anderen Azzamari gebildet wurde und den Frachtraum füllte.
Salemay Yannori schüttelte verblüfft den Kopf. „Ob die sich alle selbst aus den Kisten befreit haben, oder ob sie Hilfe hatten?“
Phil McCormick betrachtete die verwüstete Umgebung. „Ich kann mir keinen Reim darauf machen“, und drehte den Salzzylinder zwischen den Fingern.
Inzwischen schien das Licht im Schiff schwächer zu werden und wie zur Bestätigung meldete sich die KI des Schiffes zu Wort. „Lebenserhaltungssystem läuft auf achtzig Prozent“, informierte die tonlose Stimme des Computers. „Energieleistung weiter fallend. Ursache unbekannt.“
„Na, das sind mal gute Nachrichten“, knurrte Phil McCormick.
Yannori presste die Lippen aufeinander, während er die Umgebung beobachtete. „Wir müssen weiter in den Hauptfrachtraum.“
McCormik zögerte einen Moment und drehte ein weiteres Mal an seinem Salzfässchen. „Na dann los.“
Sie erreichten den Hauptfrachtraum, der von einem seltsam pulsierenden, blauen Lichtschimmer erfüllt war. Auch hier waren Bruchstücke von Artefakten zu einem spinnennetzartigen Muster geordnet, das die Halle in anmutigen Linien durchzog. Der Boden schien sich zu bewegen, als Salemay Yannori und sein Steuermann durch das große Verbindungsschott traten. Ein leises Rascheln und Trappeln drang an ihre Ohren, als würden hunderte kleiner Füße über den Boden scharren. Im Halbdunkel konnte Salemay Yannori ein dichtes Gewimmel insektenartiger Mechanoiden erkennen, die ins Zentrum der Halle strebten. Irgendetwas Riesenhaftes erhob sich dort. Ein gewaltiger Schatten, der sich als scharfer Umriss gegen das diffuse Leuchten abhob, das den hinteren Teil der Halle erfüllte.
„Mich laust der Affe“, flüsterte Phil McCormick. „Ist das ein Riese?“
Salemay Yannori musterte die Gestalt, die ihnen den Rücken zugewandt hatte und zwei martialische Schwerter in den Händen hielt.
„Sieht wie eine kriegerische Oponi aus. Aber das ist ne Statue, ohne Zweifel. Gut und gern vier Meter groß.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, drehte die Gestalt den Kopf in ihre Richtung. Das Gesicht war eine metallene Maske, mit den gleichmütigen Gesichtszügen eines jungen Oponimädchens. Die großen Augen glommen in einem fahlen Weiß, wie Sonnen, deren Licht durch dichten Nebel drang. Ein schriller, nervenzerfetzender Ton, der aus dem Inneren der Kreatur zu kommen schien, schwoll an wie das Jaulen eines gequälten, sterbenden Tieres. Dann hob das Ungetüm die Klingen und stampfte auf die zwei verblüfften Piraten zu. Der lebende Teppich zu seinen Füßen kräuselte sich wie ein windgepeitschtes Meer. Die Leiber zahlloser künstlicher Wesen, aus einem längst vergessenen Zeitalter, schoben und wirbelten durcheinander. Wie eine entfesselte Flut wogten sie Salemay Yannori und Phil McCormick entgegen. Dann krachten Schüsse und blendende Explosionen erfüllten den Raum. Kapitel 9

In den nächsten zwei Tagen redeten Zeelona und Yadina kaum miteinander. Anfragen, die anstehende Transporte betrafen, wiesen sie mit dem Hinweis ab, ihre Kapazitäten seien ausgelastet und sie wären im Moment in anderen Sektoren umso mehr beschäftigt. Sie arbeiteten daran, ihre Flotte zu vergrößern, um allen Anfragen gerecht zu werden, behauptete Zeelona, wenn jemand ungeduldig Auskunft verlangte. Die Stimmung war angespannt.
Zeff kontaktierte Zeelona ein zwei Mal, um sie und ihre Schwester zu einer Party einzuladen, die am selben Abend stattfand. Zeelona lehnte ab. Sie wollte sich den Anschein geben, es in dieser Situation eher vorzuziehen zu arbeiten, als sich zu amüsieren.
Yadina schaltete sich in das Gespräch ein und überzeugte ihre Schwester die Einladung anzunehmen. Es war unverdächtiger, sich ins Nachtleben zu stürzen, anstatt sich zurückzuziehen, was nur Argwohn erwecken würde. Währenddessen wartete Zeelona voller Ungeduld auf Nachrichten. Doch der fällige Zeitpunkt verstrich, ohne dass einer der Piloten sich meldete. Stunde um Stunde nahm nun ihre Unruhe zu, und Yadina vermied es, in ihre Nähe zu kommen.
Ein weiterer Tag verging, unter dessen Hitze die Stadtwelt und ihre Bewohner gelitten hatten. Endlich wurden die Temperaturen erträglicher und ein lauer Wind kam auf.
Yadina holte eine Flasche Wein und etwas Obst aus dem Vorratslager und setzte sich an den Rand des Daches ihres Stützpunktes. Sie ließ die Beine über die Kante baumeln und ließ den Blick über die Stadt schweifen. Es war gut, das sanfte Abendlicht und die angenehme Brise zu genießen, die ein wenig Kühlung brachte.
Die Häuser schillerten hell im Schein der sinkenden Sonne. Violette Schatten wuchsen in den tiefen Straßenschluchten. Allmählich ermüdete die Stadtwelt und bereitete sich auf die hereinbrechende Nacht vor. Am Himmel ebbte der Verkehr ab. Langsam kehrte Ruhe ein und die Lichter in den zahllosen Fenstern glommen auf.
Yadina goss etwas Wein in ihr Glas, nahm einen Schluck und aß eine Traube und die Anspannung der letzten Tage fiel ein weinig von ihr ab. Kurz darauf nahm sie hinter sich eine Bewegung wahr. Als sie sich umwandte, sah sie ihre Schwester in ihrer abgetragenen Pilotenkombination. Sie stand direkt vor der sinkende Sonne, die nun als goldener Ball knapp über dem Horizont stand. Yadina glaubte einen Schatten unter ihren Augen zu erkennen. Hatte sie geweint? Es war lange her, seit sie ihre Schwester das letzte Mal hatte weinen sehen.
Zögernd kam Zeelona näher, setzte sich zu ihrer Schwester und hielt ihr wortlos ein Glas hin, dass sie mitgebracht hatte. Yadina füllte es mit Wein und Zeelona trank es schnell aus, ohne sich die Zeit zu nehmen, den wirklich guten Tropfen zu genießen, den ihnen Zeff kistenweise hatte zukommen lassen, als der Vertrag unterzeichnet war. Danach drehte sie das Glas geistesabwesend zwischen ihren schlanken Fingern und starrte blicklos in die Ferne.
„Hast du Meldungen erhalten?“, fragte Yadina.
Zeelona nickte.
„Und?“
„Salemay hat sich gemeldet“, sagte sie. „Er sagte, Schiff und Ladung mussten aufgegeben werden.“ Sie holte tief Atem. „Offenbar sind auch alle anderen Schiffe verloren.“
Yadina war ganz Ohr.
„Die Mannschaften haben zum Teil schon während der Passage die Fluchtkapseln benutzt. Andere Piloten verließen die Schiffe gleich nach der Ankunft im Chalderonsystem. Salemay hat mir nicht alles erzählt. Er meinte, die ganze Angelegenheit ließe sich nicht so einfach erklären. Hat immer wieder beteuert, dass es nicht seine Schuld sei. Er sei auch kein Feigling, aber nachdem … nachdem sie die Torpassage eingeleitet hatten, habe das ganze Schiff verrückt gespielt. Er faselte irgendetwas von Erscheinungen. Dass etwas die Frachtkisten aufgebrochen hatte und von Kobolden, die aus den Behältern krochen und…“
Zeelona streckte ihrer Schwester erneut das Glas hin, die es wieder auffüllte. Sie setzte es an die Lippen, nahm einen kleinen Schluck und starrte dann gedankenverloren in die tiefe Schlucht zu ihren Füßen hinunter. Immer wieder setzte sie an etwas zu sagen, aber es gelang ihr nicht sinnvolle Sätze zu formen. Yadina ihrerseits sah davon ab, ihr zu erklären, den Ausgang der ganzen Sache vorausgesehen zu haben.
„Die Konsequenz der Maus ist die Katze“, hörten sie eine männliche Stimme sagen.
Yadina und Zeelona sprangen auf und wandten sich um.
Culver Coleman stand vor ihnen. Ganz alleine. Gekleidet in einen schwarzen Gehrock mit dezenten silbernen Mustern. Nur ein goldschimmernder Roboter, der Colemans Gleiter geflogen und lautlos auf dem Dach aufgesetzt hatte, war bei ihm und hatte sich in respektvollem Abstand hinter seinem Rücken postiert.
„Hat man Sie nicht davor gewarnt?“, fragte Coleman. „Hat man Ihnen nicht gesagt, Sie sollten die Fayroo nicht benutzen?“
Die beiden Schwestern waren sprachlos. Geraume Zeit verging, ohne dass es Einer von beiden gelang, auf seine Fragen zu antworten. Die Sonne versank endgültig hinter dem Horizont und der Glanz der glitzernden Fassaden erlosch. Sacht flossen die blassen blauen Schatten aus Winkeln und Nischen und der Himmel färbte sich purpurrot.
„Wollen Sie nichts sagen?“, fuhr Culver Coleman fort.
Zeelona und Yadina wussten nichts zu antworten. Obwohl sie nicht damit rechneten, jeden Moment verhaftet zu werden – irgendwie schien dieses Vorgehen nicht zu dem Mann zu passen, der in seiner schwarzen Kleidung wie ein Würdenträger wirkte –, beschlich sie eine nicht näher zu bestimmende Furcht.
„Man hat uns gewarnt“, bestätigte Yadina. „Ihr Sohn und Ihr Assistent, Herr Wilson, haben uns darauf hingewiesen.“
„Umso mehr wundert es mich, dass Sie es trotzdem gewagt haben.“ Er runzelte die Stirn. „Aber ich glaube, Ihr Plan beruhte auf der Einbindung der Fayroo.“
„Ja“, bestätigte Zeelona. „Ohne die Fayroo wäre es zu riskant gewesen. Man hätte unseren Kurs ermitteln und mittels Peilsender überwachen können.“
„Sie hätten sich eine andere Beute suchen sollen.“
„Wieso?“
„Wussten Sie nicht, wie gefährlich es ist, ein Azzamaro in die Nähe eines Fayroo zu bringen?“
„Geistergeschichten!“, antwortete Zeelona.
„Vergangenheit!“, entgegnete Culver Coleman. „Vergangenheit, die bisweilen zu wahrhaftigem Leben erwacht.“ Er trat einige Schritte auf die beiden Frauen zu. „Als ich von Ihnen hörte – mein Verwalter erzählte mir zuerst von euch beiden –, da schöpfte ich sofort Verdacht. Ich habe Sie seitdem gut beobachtet und war sehr erfreut darüber, dass mein Sohn selbst einige Schritte unternommen hatte, seinerseits Nachforschungen anzustellen.“
„Das haben wir bemerkt“, sagte Zeelona. „Und obwohl er Maßnahmen eingeleitet hat, kam er uns nicht auf die Schliche.“
Culver Coleman lächelte. „Ja, letztendlich haben Sie Ihre attraktive Schwester geschickt eingesetzt, um Zeff zu beschwichtigen. Natürlich hat ihn dieser Umstand etwas in seiner Urteilskraft beeinträchtigt. Das ist verzeihlich. Umso mehr, als ich Ihnen dann selbst begegnete. Wie ich hörte, hat er es recht geschickt angestellt mit seinen Nachforschungen. Bis auf den Schluss. Da hat er sich doch noch auf seinen Hosenboden gesetzt. Aber er ist noch jung und die ganze Sache wird ihm eine Lehre sein.“
„Wussten Sie denn, was wir vorhatten?“, fragte Yadina.
„Nein“, sagte er, „zu Beginn nicht.“
„Aber was sollten dann diese Andeutungen?“, wollte Zeelona wissen.
„Ach, Sie meinen meine Rätselworte.“ Er legte eine Hand an sein Kinn. „Das ist eine Angewohnheit von mir, um die Reaktionen von Leuten zu testen, denen ich mistraue. Im Grunde genommen werfe ich auf diese Weise einen Stein und warte ab, ob er eine Lawine auslöst. Bei Ihnen hat das prächtig funktioniert. Auch wenn Sie sich selbst für ziemlich abgebrüht halten.“
Zeelona biss die Zähne zusammen.
„Sehen Sie“, bemerkte Coleman. „Sie haben Ihre Gefühle nicht unter Kontrolle. Ihre Schwester hingegen ist viel gelassener. Das müssen Sie noch lernen. Ich nutze meine Menschenkenntnis, seit ich mein Unternehmen gegründet habe.“
Yadina stutzte. „Sie haben es gegründet?“
„Ja“, sagte er.
„Herr Wilson sagte, Ihre Firma sei seit zehntausend Jahren hier ansässig und deren Gründer habe damals Vanetha mit aufgebaut.“
Culver Coleman sah Yadina lange an. „Ich sagte doch, die Vergangenheit ist mitunter durchaus lebendig.“
Yadina konnte dem Blick des Mannes kaum standhalten, denn in seinen Augen lag eine abgründige Tiefe, die sie zugleich ängstigte und anzog. Von diesem Mann ging, wie sie schon einige Tage zuvor bemerkt hatte, eine Faszination aus, die kaum mit Worten zu beschreiben war. Eine Faszination, die offenbar alle ergriff, die mit ihm zu tun hatte.
„Es gibt nur einen Culver Coleman“, erklärte der Mann, energisch. „Den Gründer der Firma. Und es gab viele Söhne, doch nie einen Erben.“
Nach diesen Worten meinte Yadina, ein Zittern auf seinen Lippen wahrzunehmen, und für einen Moment schien der Eindruck jener unbeirrbaren Festigkeit, die er ausstrahlte, zu flackern. Auch er schien von tiefen Gefühlen bewegt, auch wenn er sich kalt und berechnend gab.
„Wollen Sie uns nun verhaften lassen?“, wollte Zeelona wissen.
„Oh nein!“, betonte Culver Coleman. „Wofür denn? Sie haben mir einen kostenlosen Transport sowie zwanzig Hornet-Schiffe geschenkt. Ich nehme doch an, Sie erheben keinen Anspruch auf die kleine Flotte, die im Chaledonsystem gestrandet sind.“
Zeelona nickte bitter. „Nein. Werde ich nicht.“
„Ich habe schon Piloten losgeschickt, um die Einheiten zu übernehmen“, fuhr er fort. „Nein, ich habe kein Interesse daran, Sie einsperren zu lassen. Erstens entstand mir kein Schaden, und zweitens wird es mir sehr gut gefallen, Sie beide weiter zu beobachten. Es könnte eine spannende Geschichte werden. Geschichte und Geschichten sind das Einzige, was mich wirklich interessiert. Auf Geld und Reichtum lege ich keinen Wert.“
„Würde mir auch so gehen, wenn ich so viel davon hätte“, wagte Yadina, zu entgegnen.
„Sie werden es mit Sicherheit noch weit bringen“, meinte Colemann anerkennend. „Ich halte es zudem durchaus für möglich, dass Sie ein gütiges Schicksal noch dazu zwingt, eines Tages doch noch den Pfad der Tugend zu beschreiten. Und dann könnten Sie äußerst interessante Geschäftspartner sein. In jedem Fall aber würde es mir Spaß machen, Sie zwei seltene Vögel weiter umherflattern zu sehen.“
„Steinchenwerfen!“, sagte Zeelona abfällig. „Waren Ihre Worte bei unserem ersten Treffen auch nur Steinchen, das Sie auf gut Glück geworfen haben?“
„Keineswegs. Es ist nur eine alte Erkenntnis, dass die Menschen erfolglos versucht haben, unter Aufbietung all ihres technischen Verstandes die Mäuse aus ihren Häusern zu verbannen. Eine intelligente Beute verlangt einen intelligenten Jäger.“
Er kam näher und Zeelona musste zu ihm aufsehen, als der große Mann vor ihr stand.
„Sie haben viel Zeit damit verbracht, einen perfekten Plan zu schmieden“, sagte er milde. „Aber Sie hätten dabei auch mehr auf die Instinkte und Gaben vertrauen sollen, die Gott Ihnen geschenkt hat.“ Bei diesen Worten richtete er seinen Blick auf Yadina. „Trösten Sie sich. Man kann nicht immer Glück haben. Außerdem sind Menschen, denen das Glück stets geneigt ist, äußerst langweilig. Die haben nichts zu erzählen. Keine Geschichten. Keine Legenden, kein Mythos. Man muss einige Zeit durch finstere Täler, kahle Ebenen und durch den Todesschatten wandern. Es sind die Gescheiterten, die wirklich interessant sind.“
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging gemessenen Schrittes zu seinem Gleiter. Er stieg ein, der goldene Roboter kletterte in die Kanzel, und das Fahrzeug hob ab. Schnell gewann es an Höhe. Stieg hinauf in die feurig lodernden Abendwolken, beschrieb einen anmutigen Bogen und entschwand in der Ferne.
Die zwei Schwestern waren wie benommen und wagten kaum zu atmen, bis ihnen klar wurde, dass die ganze Geschichte letztendlich gut für sie ausgegangen war. Zwar hatten sie die Schiffe samt Beute verloren, aber ihre Mannschaft war noch am Leben. Sie waren gescheitert, jedoch noch immer in Freiheit.
„Wie dramatisch“, scherzte Yadina. „Finstere Täler.“
„Todesschatten“, fügte Zeelona hinzu, setzte sich wieder an die Dachkante und nahm ihr Glas in die Hand. „Es sind die Gescheiterten, die wirklich interessant sind.“
Yadina tat es ihr gleich und setzte sich zu ihrer Schwester. Gemeinsam leerten sie die Flasche.
„Der einzige Todesschatten, der mir begegnen wird, ist der Schatten von Red Robes Hand“, sagte Zeelona, „wenn er mir eine feuert.“
„Ich glaube kaum, dass das passieren wird“, beruhigte Yadina. „Er wird dich in die Arme nehmen und sagen“, dabei senkte sie die Stimme, um den, rauen, männlichen Klang des alten Piraten nachzuahmen, „Kindchen, du musst das nächste Mal etwas vorsichtiger sein.“

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