NOMADS LEGACY – HÖRBUCH (Der unendliche Traum – Kapitel 3)

NOMADS LEGACY – Hörbuch (Kapitel 3)

Der Unendliche Traum. Gelesen von Georg Bruckman

Eine weiteres Hörbuch Kapitel. In diesem Fall stammt die Lesung nicht aus der NOMADS Reihe um Dominic Porter. Bei “Der Unendliche Traum“ handelt es sich um eine Geschichte, die zwar im NOMADS Unversum spielt, jedoch zu einem Zeitpunkt der weiter in der Zukunft liegt. NOMADS spielt im 5. Jahrtausend, wohingegen NOMADS LEGACY im 130. Jahrtausend angesiedelt ist.

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Leseprobe

NOMADS – LEGACY
Short Stories

Der Unendliche Traum

Kapitel 3

Das Gespenst

„Vorsicht jetzt!“, brüllte Jem, als ihnen ein glühender Gusskessel aus dem tiefen Schacht entgegenfuhr. Die Schienenkonstruktion an der Schachtwand quietschte und klapperte, während der feurige Topf daran in die Höhe schnellte. Sareena sah gebannt auf das Farbenspiel des flüssigen Metalls, das in dem großen Tiegel kochte. Es sah aus wie ein glühendes Auge, das sie aus der Tiefe anstarrte, von Flammen, Funken und wirbelnden Rauchschwaden umgeben.
„Aufgepasst!“ Jems Stimme überschlug sich. „Die Dämpfer bei diesem Tiegel sind ausgeleiert.“
Als der brodelnde Topf über den Rand der Grube schoss, packte der Akkato Sareena am Kragen und warf sie wie ein Spielzeug quer über den Boden. Der Tiegel kam abrupt zum Stehen. Das flüssige Aureanum spritzte wie ein glühender Geysir in die Höhe und schwappte über den Rand des Kessels. Sareena vernahm schrille Schreie, während sie instinktiv in die Richtung kroch, in die sie Jem geworfen hatte, bis sie eine Felswand erreichte, an der sie sich hochrappelte. Als sie sich umwandte, sah sie ein grauenhaft bizarres Bild. Das Metall war zum Teil erstarrt und aus dem goldfarbenen See erhoben sich groteske Skulpturen verkrampfter Körper, mit verdrehten Gliedmaßen, die rauchten, dampften und zischten. Es mussten etwa zehn Leute gewesen sein, die hier gerade den Tod gefunden hatten.
Sareena suchte Jem in diesem Chaos. Zu ihrer großen Erleichterung konnte sie ihn sehen, wie er sich etwas abseits der grausigen Szene vom Boden erhob. Er war offenbar unverletzt und auch Jig schien nichts abbekommen zu haben. Der Akkato stand aufrecht im Qualm und betrachtete die Katastrophe, als ein großer Schatten hinter ihm auftauchte. Ein riesiger Gothrek, der den Akkato um eine Armlänge überragte, bahnte sich seinen Weg durch die gaffenden Häftlinge und schlug mit einer Kettenpeitsche auf den Boden, dass die Funken flogen. Er stieß Jig beiseite und richtete seinen Kopf auf den abkühlenden Aurespiegel, aus dem sich die grotesken Gestalten erhoben, die in ihrem Todeskampf erstarrt waren. Wie bei allen Gothreks waren auch bei diesem keine Augen zu sehen, aber irgendwie spürte man einen durchdringenden Blick und konnte den Zorn darin spüren.
„An die Arbeit!“, brüllte er mit zischender, kehliger Stimme und trieb die Leute zurück auf ihre Posten. Dann wandte er sich an Jig. „Reinigt das Aure. Verliert keine Zeit.“ Er deutete auf Sareena, die wie versteinert wirkte. „Du da!“, knurrte er die Tengiji an und seine Kettenpeitsche schlug krachend vor ihr auf den Boden, sodass Steinsplitter gegen ihren Schutzmantel spritzten. „Mach schon! An die Arbeit, faules Stück!“
Jem warf Sareena ein Stemmeisen zu und stellte sich schützend vor sie. „Keine Sorge, Herr“, sagte Jem unterwürfig. „Wir bringen das in Ordnung.“

Es kostete Sareena viel Mühe und Überwindung, das Metall samt den verbrannten Körpern vom Boden zu kratzen und alles in den tiefen Schacht zu werfen. Ekel und Entsetzen würgten ihre Kehle.
Ab und an prasselten dicke Wassertropfen herab, um den Boden zu kühlen. Draußen musste ein Unwetter an die Flanken des Berges peitschen. Durch unzählige Risse und Spalten bahnten sich die Wassermassen ihren Weg ins Innere des Massivs. Schon bald war alles in einen dichten, warmen Nebel gehüllt und die Umgebung verschwamm zu diffusen Formen, zu einem wabernden Farbenspiel von Schatten, Feuerschein und lodernder Glut. Während der Nebel dichter wurde, rührte sich Sareena eine Weile nicht vom Fleck. Schließlich wagte sie es, sich Schritt für Schritt, durch die wallenden Schwaden zu tasten, als plötzlich ein heißer Wind durch die Höhe fegte und den Dunst lichtetet, als würde Sareena ein Schleier vom Gesicht gezogen. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder, als sie sah, wohin sie geraten war. Die Spitzen ihrer Stiefel berührten gerade noch den Rand der Grube, auf deren Grund geschmolzenes Aure leuchtete. Nur ein Schritt weiter und sie wäre in den lodernden Abgrund gestürzt. Ihr stockte der Atem, vor Furcht und Faszination. Sareena konnte in der Tiefe die grotesken Fördermaschinen erkennen, die wie Spinnen an der Schachtwand hingen und ihre Arme in das kochende Metall tauchten. Die Erde bebte und beinahe hätte Sareena das Gleichgewicht verloren. Sie wankte für einen Augenblick, als sie jemand am Arm packte und sie vom Abgrund wegzog.
„Hypnotisch, nicht wahr?“, hörte sie eine sanfte männliche Stimme sagen.
Sareena fuhr herum. Offenbar war es ein Mensch, der sie gerade festhielt. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, das hinter einer Atemmaske verborgen war. Alles, was sie sah, waren helle blonde Haare, die unter der Kapuze hervorlugten.
„Ja, hypnotisch“, stimmte Sareena mit matter Stimme zu.
„Passen Sie auf“, mahnte der Mann. „Ein Moment der Unachtsamkeit und es ist vorbei. Diese Orte verlangen ständige Wachsamkeit.“
„Darauf wäre ich selbst nicht gekommen“, gab Sareena frech zurück, verbarg lediglich ihre Unsicherheit. Irgendetwas an diesem Häftling beunruhigte sie. Seine Kleidung sah nicht so aus wie die der Anderen. Sie wirkte nicht, als hätte er sie aus verschiedenen Stücken zusammengestellt. Es war ein akkurater Schutzanzug, dessen Nähte fein gearbeitet waren. Es gab sogar Verzierungen hier und da.
Der Mann ließ sie los und wandte sich ab. Seine Schritte waren fest und sicher, als hätte er ein Ziel vor Augen, auf das er sich zubewegte. Ein Krieger, folgerte Sareena, während sie ihm nachblickte.
„Kennst du ihn?“, fragte Jem, der die junge Tengiji nicht aus den Augen gelassen hatte.
Sareena beobachtete gebannt, wie die breitschultrige Silhouette des Mannes in seinem schweren Mantel, in den heißen Nebel eintauchte und verschwand. Danach sah sie den Oponi an und runzelte die Stirn, während sie über seine Frage nachdachte. Eine einfache Frage und ein simples Ja oder nein hätte genügen können. Aber Sareena zögerte.
„Komm“, forderte Jem sie auf. „Bleib für den Rest des Tages in meiner Nähe. Deine Sinne sind überreizt. Das passiert jedem Neuen.“

Als sie am Ende ihrer Schicht die Förderanlage verließen, versengte ein Glutwind die Felswände außerhalb der Anlage. Sareena roch ozonhaltige Gase, die aus dem Gestein dampften. Die schmale Metallbrücke, welche die tiefe Schlucht überspannte, knackte und knirschte unter der Hitze. Das ausgeglühte Metall wirkte spröde und brüchig. Jem und seine Gruppe eilten hastig hinüber und flüchteten in die schützenden Unterkünfte, die kühl wie ein Tiefenbunker waren.
Niemand verschwendete auch nur einen Moment damit, die Kleider länger als nötig anzubehalten. Hastig streiften die Gefangenen die unbequemen Anzüge ab, um endlich in die Waschräume zu gelangen. Schneller als gedacht hatten Männer und Frauen jedes Schamgefühl abgelegt, um sich nur endlich den Schweiß vom Körper waschen zu können.
Eine Menge nackter Körper drängte sich durch die schmale Türe in den Duschraum. Die plötzliche, körperliche Nähe allerdings schien lediglich den beiden Frauen, die mit Sareena gekommen waren, unangenehm zu sein. Die Verlegenheit stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. Sareena hatte jedoch kein Problem damit, war sie doch als Tengiji sowohl in Kampf als auch in Liebeskunst unterwiesen worden und somit vertraut mit den diversen, bisweilen skurrilen Anatomien unterschiedlichster Spezies. Sie selbst genoss die begehrlichen Blicke Anderer sogar, seien es die Blicke von Männern oder Frauen. Insgeheim hätte es sie sogar geärgert, wäre sie ignoriert worden.
Sie versuchte in dem Gewimmel nackter Körper, den Mann wiederzufinden, der sie vor dem Sturz in den Förderschacht bewahrt hatte. Allerdings gab es Hunderte von Unterkünften und Tausende von Arbeitern, die, wie sie herausgefunden hatte, von anderen Anlagen stammten und am Ende des Arbeitstages wieder dorthin zurückkehrten. Dennoch bestand eine geringe Hoffnung, dass er sich in ihrer Gruppe befand. Sie hätte gerne gewusst, wer er war und wie er aussehen mochte.
Sie war so vertieft in ihre Suche, dass sie dabei gegen Jem stieß, der sich gerade die Seife aus dem Gesicht wusch.
„Verdammt!“, knurrte er und hob drohend die Faust, aber als er Sareena erkannte, ließ er sie wieder sinken. „Bist die ungeschickteste Tengiji, die mir je begegnet ist. Suchst du jemanden?“
Sareenas antwortete nicht. Stattdessen wanderte ihr Blick über seinen muskulösen Körper. Sie grinste, während sie weiter an ihm herabblickte.
„Halte dich immer an deine Gruppe“, mahnte Jem, griff sich sein Handtuch, das in einer Wandnische lag, und legte es sich um die Hüften. „Stelle dich auf die Leute ein, die du bereits kennst, und studiere ihre Eigenheiten. Das ist nützlich. Aber binde dich nicht mit Gefühlen. Das ist sinnlos.“
„Ist mir klar“, antwortete Sareena, die Jems Erklärung als Verlegenheitsgeplapper interpretierte.
„Hier ist kein Platz für zu enge Freundschaften“, fuhr der Oponi fort. „Die enden zu schnell.“
„Freundschaften?“, flüsterte Sareena und ließ ihren Blick lasziv über den Körper des Oponi gleiten. „Ich wäre sowieso nur an einer ganz oberflächlichen Beziehung interessiert. Alles Tiefergehende ist wohl nicht ratsam.“
„Ja, das wäre sehr unbequem“, meinte Jem grinsend. „Und es könnte dir unangenehmer sein, als du denkst.“ Über Jems Gesicht huschte ein vielsagendes Lächeln, wobei er einen genüsslichen Blick über ihren nackten Körper gleiten ließ. Dann verließ er den Waschraum.

An den Ketten des Krans hing etwas, das an einen stählernen Raumanzug erinnerte oder an eine monströse, metallene Skulptur. Groß, wuchtig und plump baumelte sie hin und her, während zischende Dampfwolken von seiner heißen Oberfläche aufstiegen. Sareena konnte die Hitze fühlen, die von der Rüstung abstrahlte, als würde sie glühen. Als die Tengiji noch eine Jugendliche war und gerade begonnen hatte, dem Haus Komeru zu dienen, konnte sie einmal beobachten, wie man eine übergroße Bronzestatue des Fürsten aus ihrer noch heißen Gussform hievte. Und dieser Anblick erinnerte sie daran.
Jem richtete den Wasserschlauch auf den Kopf des Anzuges, als sich die Verschlüsse daran zu öffnen begannen. Eine Platte fiel krachend zu Boden und durch die so entstandene Öffnung begann sich ein keuchender, schreiender Mann zu zwängen. Ein sehniger Kerl mit stechend blauen Augen, in denen Schmerz und Zorn loderten.
Jem ließ einen armdicken Schwall kalten Wassers auf ihn einprasseln und spülte ihn förmlich aus der Kanzel der archaischen Apparatur heraus.
Der Mann klatschte auf den Boden, wälzte sich und fluchte wie ein Wilder.
„Verdammt“, schrie er völlig von Sinnen. „Wenn ihr euch noch länger Zeit gelassen hättet, wäre ich gekocht worden.“
„Ach was.“ Jig packte den Mann am Kragen und zog ihn in die Höhe. „So altes vertrocknetes Fleisch kann man nicht kochen. Höchstens rösten.“
Der Akkato stieß ihn zu seinem ledernen Schutzanzug hinüber, den er vor dem Einsteigen in die Apparatur hatte ablegen müssen. Er lag zusammengefaltet in einer Wandnische und der Arbeiter beeilte sich, ihn wieder anzuziehen.
„Wenn der Metallpanzer abgekühlt ist“, sagte Jem und sah Sareena an, „dann wirst du einsteigen.“
„Wozu braucht man das Ding?“, fragte sie entsetzt.
„Unten, am Grund des Förderschachtes, gibt es Maschinen, die gewartet oder repariert werden müssen“, erklärte Jem. „Ist aber meist nicht sonderlich kompliziert. Manchmal genügt lediglich ein harter Tritt und das Problem ist behoben. Ich zeig dir, was du tun musst.“
Sareena betrachtete den Anzug mit großem Unbehagen. Indes wurden Weitere dieser Apparate aus dem Feuerschlund herausgezogen. Fauchende Dampffontänen schossen in die Höhe, als sie das Kühlwasser aus den Schläuchen der Arbeiter traf. Das Metall knackte und knisterte, als es abkühlte.
Gerade in diesem Augenblick stapfte ein großer, grimmiger Akkato heran, flankiert von zwei Gothreks, die in seiner Nähe eher harmlos wirkten. Er hielt eine kurze Eisenstange, die zweifellos dazu gedacht war, müde Arbeiter anzutreiben.
„Was zum Teufel ist hier los!“, polterte der Akkato wütend.
Jem trat ihm entgegen und postierte sich zwischen ihn und Sareena. Die Tengiji wunderte sich darüber.
„Die Reparaturarbeiten sind aufwendiger, als wir angenommen haben“, sagte Jem in ruhigem Ton. „Wir müssen die Mannschaft auswechseln.“
„Sind Neue hier?“ Das pferdeköpfige Wesen blickte sich um und ging auf einige der Gefangenen zu, die gerade einen verstopften Fließkanal von abgelagerter Schlacke befreiten, erhielt aber keine Antwort außer Kopfschütteln. Die Meisten taten so, als seien sie in die Arbeit vertieft.
„Ist das Briggo?“, fragte Sareena und Jem nickte, wobei er einen Finger dort an seine Atemmaske legte, wohinter seine Lippen verborgen waren.
Briggo wendete sich wieder an Jem. „Wen versteckst du da?“ Er schob Jem mit der Eisenstange beiseite.
Sareena trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Neu hier?“
Sareena nickte schwach.
„Warum hast du dich nicht gemeldet, als ich gefragt hab?“
„Ich … ich …“, stammelte sie hilflos.
„Ja, du, du!“ Briggo knurrte gereizt. „Dich werd ich lehren zu parieren. Nimm die Maske ab.“
Sareena kam der Aufforderung nur mit Zögern nach, was Briggo noch mehr verärgerte. Er stieß die Spitze seines Eisenstabes so hart gegen ihre Schulter, dass die Tengiji vor Schmerz aufstöhnte. Sie taumelte, tastete eilig nach den Riemen ihrer Maske und löste sie vom Gesicht, um Atem zu holen. Die Luft brannte auf ihrer Haut. Augenblicklich bildeten sich Schweißperlen auf ihrer Stirn und rannen ihr in die Augen.
„Ein verdammtes Menschengör“, brummte Briggo und spuckte aus. Er blickte Jem an. „Wenn du sie so magst, kannst du gleich mit ihr runtergehen.“
Jem schluckte.
„Ja, du hast schon verstanden“, fuhr Briggo fort. „Hast dich lange Zeit um diese Arbeit gedrückt. Wird Zeit, dass du mal wieder selbst mit Hand anlegst. Also runter mit euch Beiden.“
Sareena tastete nach ihrer Maske und versuchte sie wieder anzulegen.
„Kannst du sein lassen“, sagte Jem. „Leg den Rest auch ab. Verstaue die Sachen in einem der Löcher dort in der Wand und komm mit mir.“

Der Oponi gab einen Befehl und zwei neue Metallanzüge wurden von der Decke herabgelassen. Erst jetzt bemerkte Sareena, wie viele Maschinen und Geräte, deren Zweck sie nicht ergründen konnte, dort oben über ihren Köpfen hingen. Jem öffnete einen der Anzüge und forderte Sareena auf, hineinzuklettern.
„Schon mal einen Dockstet manövriert?“, fragte Jem die zögernde Tengiji. Sareena nickte. Ihr rann der Schweiß in Strömen über den Körper und ihre nassen Kleider begannen zu dampfen.
„Ist genau genommen das gleiche System“, meinte Jem und verstaute seine Jacke ebenfalls in einer Wandnische. „Unsere sind nur etwas bockiger und ziemlich unsensibel.“
Die Tengiji schwang sich gekonnt in das enge Cockpit und verschloss es eilig. Sareena fand sich schnell in das Funktionsprinzip der Maschine hinein, bewegte Arme und Beine, machte einige Schritte vorwärts und rückwärts und verlor dann das Gleichgewicht. Wären die Halteketten nicht gewesen, hätte nichts einen Sturz in die Tiefe verhindern können. Einige Sekunden pendelte sie hilflos hin und her. Die Greifzangen des Anzuges kratzten klirrend über den Boden.
„Prinzip ist das eine“, knurrte Jem verärgert. „Physik das andere. Die Balance ist nicht ganz hundertprozentig. Liegt an den vielen Reparaturen. An jeden Anzug muss man sich erst neu gewöhnen. Sind sozusagen Unikate. Also etwas mehr Respekt vor der Kunst.“
Nach dieser kurzen Belehrung stieg Jem in einen größeren, für einen Oponi gemachten Anzug, während Sareena sich unbeholfen aufrappelte. Dann wurden die beiden hochgehoben und in den Schacht hinabgelassen.
Sareena sah die Schachtwand an ihrem schmalen Sehschlitz vorübergleiten, rot glühend im Widerschein des Feuers aus der Tiefe. Ab und an flogen blendende Funken vorbei, wie strahlende Kometen. Der Abstieg kam ihr wie eine Ewigkeit vor.
„Wenn wir unten sind, hältst du dich dicht hinter mir“, hörte sie den Oponi durch den Helmlautsprecher sagen. „Das Aure schwimmt immer oben auf der Lava. Und der Lavafluss fließt in hoher Geschwindigkeit unter dem Rand des Schachtes vorbei. Ein Fehltritt und du wirst ins Innere des Gebirges gezogen.“
Sareena antwortete nicht und Jem fuhr weiter fort, zu erklären. Wahrscheinlich versuchte er auf diese Weise nur, seine eigene Angst zu überspielen.
„Eigentlich ist der Schacht so etwas wie ein künstlicher Vulkanschlot“, belehrte er Sareena weiter. „Und er ist auch genauso unberechenbar. Manchmal schießt die Lava nach oben und für uns alle war es das dann. Das passiert, wenn sich irgendwo eine Gasblase löst. Kann vorkommen, ist aber schon eine Weile her. Davon abgesehen sind die Beben immer eine Gefahr, besonders wenn es passiert, wenn man sich auf dem Grund der Grube befindet.“
Nach einigen Minuten hatten sie den Boden erreicht. Jem löste die Ketten von Sareenas Schutzanzug, damit sie sich unter den vielen Auslegern und Greifarmen ungehindert bewegen konnte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus.
„So, jetzt zusammenbleiben“, sagte Jem und drehte ihr den Rücken zu. „Mach mir die Ketten ab.“
Sareena benötigte eine ganze Weile, bis sie es geschafft hatte, die Halterungen zu entfernen. Danach sah sie sich um und verschaffte sich einen genaueren Überblick.
Sie standen auf einer Brücke. Vielmehr auf dem Kreuzungspunkt mehrerer Brücken, der sich sternförmig über den glühenden See spannte. Jede Brücke mündete in einen breiten Steg, der einige Meter über dem Lavasee die lotrechte Schachtwand umlief. Die Konstruktionen bestanden aus Ketta, einer Stahllegierung, die für hohe Temperaturen geschaffen war.
Der Feuerschein war blendend und immer wieder trübten Rauchschwaden die Sicht. An den Schachtwänden, knapp über der kochenden Oberfläche, waren gewaltige Arme montiert, die unentwegt das flüssige Aure abschöpften und es in die Tiegel gossen. Einmal gefüllt, ratterten die Behälter an den Schienensträngen in die Höhe.
Jem und Sareena waren nicht alleine. Etwa zehn weitere Arbeiter, in ihren bizarren Anzügen, stapften durch das Inferno, inspizierten die Maschinen oder setzten sie gerade instand. Eine Gruppe von drei Mann hantierte an einem der Behälter, der sich in seiner Schiene verkantet hatte. Sie setzten große Brechstangen und Schraubenschlüssel an und das flüssige Aure schwappte dann und wann über den Rand des Behälters. Inzwischen stieg die Temperatur im Inneren des Anzuges deutlich an und Sareena regelte die Kühlung eine Stufe hinauf.
„Wir lösen die Leute dort ab“, hörte sie Jem sagen. „Folge mir, und lass dich nicht irritieren. Die Stege schwanken ein bisschen, sind aber stabil.“

Sarrena fiel jeder Handgriff schwer. Die Hitze war kaum auszuhalten und jede Bewegung verlangte ihr mehr Kraft ab, als die vorherige. Irgendetwas schien mit der Kühlung des Anzuges nicht zu stimmen. Oder war es ihre Angst? Verlor sie die Kontrolle über ihre Sinne?
Sie hantierte mit einem Stemmeisen, um ein Stück schwarzer Schlacke herauszubrechen, das sich zwischen einer Schiene und einem Lorenrad verklemmt hatte.
„Es ist zwecklos“, keuchte sie genervt, als sie einer der Arbeiter beiseite drängte.
„Lass mich mal diesen hier versuchen“, es war eine raue, tiefe Stimme, die durch den Lautsprecher tönte.
Der Mann hob einen schweren Vorschlaghammer und drosch auf die Schiene ein. Die Hammerschläge dröhnten durch den Schacht.
Sareena nutzte den Moment, um sich zu erholen, aber es schien unmöglich. Die Hitze und die körperliche Anstrengung brachten sie an den Rand der totalen Erschöpfung. Sie probierte die konfirmative Meditation, rezitierte Verse und Wörter, doch nur mit mäßigem Erfolg. Ihr Herz pochte so wild gegen ihre Rippen, als wolle es den Brustkorb sprengen.
„Ich muss wieder nach oben“, flüsterte sie müde.
„Zusammenreißen, Amazonenmaid“, in Jems Stimme schwang leiser Spott mit.
Sareena biss die Zähne aufeinander und schwieg. In diesem Augenblick zerplatzte der Schlackebrocken, den der Häftling mit der rauen Stimme gerade bearbeitete.
Für einen Moment meinte sie, die Lore würde sich ein kleines Stück bewegen, aber dann blieb sie in ihrer Position. Das Stahlseil, das sie nach oben ziehen sollte, war bis zum Zerreißen gespannt. Aber der Behälter verharrte an Ort und Stelle.
„Verdammt noch mal“, hörte sie den Mann fluchen und er schleuderte seinen Hammer wütend gegen die Schachtwand.
„Jetzt kann es noch dauern“, meinte Jem resigniert.
Seine Worte machten Sareena Angst, die genau wusste, dass sie bereits an die Grenzen ihrer Kraft gelangt war.
„Ich werde das Zugseil kurz entlasten“, informierte Jem und griff nach einem Hebel nahe dem Poller am Ende des Schienenstranges.
Sareena beobachte, wie er den Hebel auf und ab bewegte. Der Transportbehälter ruckte heftig, als sich das Zugseil entspannte und wieder anspannte. Flüssiges Aure schwappte dabei über den Rand.
„Augenblick!“, schrie Sareena. „Ich hab eine Idee.“
Die Tengiji trat unter die Achse der Lore und betrachtete das blockierte Rad.
„Was siehst du?“, wollte Jem wissen.
Sareena gab keine Antwort. Sie brachte den Sehschlitz ihres Anzuges so nah an das Rad wie möglich und schließlich konnte sie eine goldglänzende Schicht erkennen, die einen Teil des Rades überzog.
„Es ist Aure!“, rief sie aus. „Es hat das Rad mit der Schiene verschweißt.“
„Geh beiseite“, befahl Jem und Sareena gehorchte.
Der Oponi legte den Hebel wieder um, und das Zugseil spannte sich wimmernd. Im selben Moment zündete er den Schweißbrenner, der am Unterarm seines Anzuges montiert war, und richtete die blaue Flamme auf die Stelle, wo das Aure Schiene und Rad miteinander verband.
Die Minuten vergingen und es schien Sareena wie eine Ewigkeit. Helle Flecken tanzten vor ihren Augen. Ihre Finger begannen zu zittern. Ihr wurde flau im Magen.
„Der Schnee fällt auf die Klippen des Sawo“, begann Sareena zu rezitieren, um ihre Gedanken zu fokussieren. „Er färbt die schwarzen Felsen weiß. Er färbt sie weiß … er … verdammt!“ Sareena war der Rest des Gedichtes entfallen. Sie fühlte, wie ihr Herz schneller und schneller pochte.
Plötzlich löste sich der Förderwagen mit einem Ruck und sauste nach oben. Er zog einen Schwall flüssigen Aures hinter sich her wie einen hellen Kometenschweif und das flüssige Metall regnete in dicken Tropfen herab. Sareena schaffte es gerade noch, beiseite zu springen, um der kochenden Fontäne auszuweichen. Ein mächtiger Schwall jedoch traf den Arbeiter mit der rauen Stimme und fegte ihn über den Rand des Steges.
Sareena sah noch, wie der Mann in seinem Anzug einen Moment auf dem glühenden Fluss schwamm und dann hinab gezogen wurde. Seine Todesschreie krächzten durch Sareenas Helmlautsprecher, dann rissen sie abrupt ab.
„Ich muss nach oben.“ Sareenas Stimme klang panisch.
Jem spürte sofort, dass er keine Zeit verlieren durfte. Seine junge Kameradin würde bald die Beherrschung verlieren. Er packte Sareena, als sie zu taumeln begann, und schob sie zurück auf die Plattform über dem Zentrum des Lavasees.
„Was hast du da vorher gesagt?“, fragte er die Tengiji. Er war selbst ein Krieger und wusste, dass sie mit einer Meditation begonnen hatte, um klaren Sinnes zu bleiben. Er musste sie ablenken. Sie durfte sich nicht in ihrer Panik verlieren. „Sag es noch einmal. Das klang sehr hübsch.“
„Er färbt die schwarzen Felsen weiß …“, begann sie erneut, den Blick starr auf den Steg vor ihr gerichtet. Ihre Sicht verschwamm. „Er liegt kühl auf unserer Haut. Seine Sanftheit lindert unsrer Augen Pein. Des Himmels Glanz, bedeckt von weichen grauen Schleiern, verheißt uns …“ Sareena wurde übel und ihre Knie wurden weich.
Eilig befestigte Jem die Ketten an den Halterungen an den Schultern ihres Anzuges. Es geschah keinen Moment zu spät.
Sareenas Blick trübte sich. Ihre Beine wurden schwach und gerade, als sie die Besinnung verlor, wurde sie in die Höhe gehoben. Sie fühlte sich, als würde sie schweben, empfand weder Schmerzen, noch Hitze, noch Angst. Ihre Gedanken verblassten und wichen der Leere und der Dunkelheit. „… verheißt uns finstre Träume in der Nacht.“

„Normalerweise hätte dich Briggo in Stücke gerissen“, sagte Jem irritiert, als Sareena erwachte.
Der Oponi saß zu ihren Füßen auf ihrer Pritsche und machte ein verdutztes Gesicht.
Jig stand neben ihm und starrte die junge Frau an. „Hat nen Schutzengel, die Kleine“, meinte der Akkato amüsiert.
Jem sah die Tengiji nachdenklich an, sagte aber nichts.
Sareena setzte sich auf. „Was ist passiert?“
„Du bist wie ein nasser Sack aus deinem Anzug gepurzelt“, erklärte der Akkato. „Und als Briggo dich packen wollte, kam dieser Typ. Er hat Briggo einfach einen Tritt verpasst und dich dann hierher gebracht, während ihm die Gothreks und wir dämlich nachgeglotzt haben.“
„Die Gothreks?“, wunderte sich Sareena.
„Ja. Das war fast das Seltsamste.“ Jem betrachtete die Tengiji nachdenklich. „Und du weißt nicht, wer das ist. Immerhin scheint er einen Grund zu haben, dir zu helfen? Ist er dir früher schon mal begegnet?“
„Hab keinen Schimmer.“
„Wir schon“, fuhr Jem fort.
Sareena blickte verwirrt drein. „Warum fragst du mich dann?“
„Ich wollte nur Klarheit haben über dich“, erklärte Jig. „Nicht, dass du eine kleine Hexe bist, die uns am Ende ins Unglück stürzt. Aber es gibt Geschichten über einen Geist, der hin und wieder auftaucht und jemandem hilft. Man nennt ihn den Sudey.“
„Und ihr glaubt, er ist es, der mir geholfen hat?“ Sie lachte.
Die beiden verzogen keine Miene. Ihnen schien dieses Thema zu ernst.
„Wir wissen es nicht“, sagte Jem. „Aber wir werden das Ganze mit Interesse beobachten, sollte er wieder auftauchen. Allerdings …“
Sareena legte den Kopf schief. „Allerdings?“, wiederholte sie neugierig.
„Als du hier angekommen bist“, führte Jem aus, „da habe ich dir doch ein Bündel zugeworfen, in das deine Arbeitskleidung verschnürt war.“
„Und?“
„Es lag vor dem Haufen von Kleidungsstücken, wie extra für jemanden bereitgestellt. Als du mir dann vor die Füße gefallen bist, erschien es mir nur logisch, dass es für dich bestimmt war.“
„Es war der Sudey“, bekräftigte Jig. „Er wusste, dass du kommst.“
Sareena war nicht überzeugt. In ihrem Orden gab es etliche Geistergeschichten, so wie wohl in jeder Volksgruppe oder Gemeinschaft. Und ihr war jedenfalls noch nichts passiert, was sie davon überzeugt hätte, dass es Geister gab.
„Glaubst du an Gott?“, fragte Jig unvermittelt.
„Ja“, antwortete Sareena ebenso unvermittelt.
„Ich tue das auch und Jem ebenso“, erklärte der große Akkato weiter und wirkte dabei sanft und verletzlich.
Vielen Akkato wohnte eine tiefe Spiritualität inne und Sareena konnte gut erkennen, dass Jig tief bewegt war.
„Ich kann mir vorstellen“, fuhr Jig fort, „dass Gott in seiner Einsamkeit – bevor die Welt war – Wesen seiner Art geschaffen hat. Und als die Welt ins Dasein kam …“
„… fand sie Verwendung als Spielplatz“, ging Jem dazwischen und stand auf. „Das Universum. Ein Sandkasten für Gottes unartige Kinder.“
„Bestimmt sind nicht alle so.“ Der Akkato schien nicht beleidigt, oder verletzt. „Die Meisten halten sich bestimmt an die Regeln und tun uns nichts oder mischen sich ungefragt ein.“
Sareena gefielen die Ansichten des Akkato. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dem so ist“, pflichtete sie ihm bei. „Aber was mir passiert ist, würde ich eher unter all die anderen seltsamen Dinge einordnen, die mir schon widerfahren sind. Und die haben nichts mit Geistern, Göttern, oder Dämonen zu tun. Nur mit Zufällen.“
„Lassen wir das Thema Sudey“, meinte Jem. „Tut mir leid, dass ich es überhaupt angesprochen habe. Du brauchst jetzt Schlaf und solltest nicht so viel grübeln.“ Mitten im Wort setzte er ein betretenes Gesicht auf. „Du hattest vergessen, zu trinken. Du warst total dehydriert. Ich hatte versäumt dir zu sagen, dass es in den Anzügen einen Trinkschlauch gibt. Bitte verzeih mir.“
Sareena sah ihn fassungslos an. „Danke für den Hinweis“, meinte sie verärgert. „Und das Eisfach mit den Erfrischungen? Wo kann ich das finden?“

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